Am Schlesi
Mai 9, 2006
Bin aktuell am Schlesischen Tor.
Besonders im Sommer gehört die Gegend zu einer meiner Liebsten in Berlin.
Wenn man mich fragt warum, könnte ich wahrscheinlich keine erhellende Antwort geben.
Vielleicht liegt es an der hier anzutreffenden relativen Leichtigkeit des Seins, dem sensitiven Charme dieses Viertels und seiner Bewohner.
Vielleicht liegt es an dieser sagenhaften guten und günstigen türkischen Backerei,gleich gegenüber vom U-Bahnhof, die 24 Stunden geöfnet hat und die bis spät in die Nacht Studenten, Lebenskünstler, Arbeitslose und Touristen anzieht.
Vielleicht liegt es aber auch an der Nähe zur Spree, die nur einige Gehminuten von hier entfernt verläuft und die mir als maritimen Menschen, in dieser kontinentalen Metropole, zwar nicht die Existenz eines Ozeans vorgauckelt aber gelegentlich ein feuchten kühlen Windhauch vergönnt.
Viel eher liegt es aber daran das diese Gegend immer noch ein Grenzland ist.
Freunde von mir wissen das mich Grenzen faszinieren.
Die Sichtbaren wie die Unsichtbaren, die Natürlichen wie die von Menschenhand geschaffenen.
Bis 1989 war hier definitiv das Ende der freien Welt, der letzte Winkel von West-Berlin.
Kreuzberg stößt hier direkt auf Treptow und auf Friedrichshain.
Noch heute verläuft hier eine Kulturgrenze, zwischen dem Einwandererviertel Kreuzberg und den beiden Ostbezirken.
Allen drei Vierteln ist aber gemein,das diese überwiegend von Menschen bevölkert werden, denen bisweilen Integrationsprobleme nachgesagt werden.
Die noch 16 Millionen Ostdeutschen sind den ca. 2, 6 Millionen türkischen Migranten( mit und ohne deutschen Pass), dabei natürlich demographisch weit überlegen.
Was aber unternehmerische Initiative angeht, ich erwähnte schon die 24 Stunden -Bäckerei, den Service und die Kundenfreundlichkeit , den Grad der kullinarischen Raffinesse,
sind die „Türken den Ostdeutschen weit voraus.
Es empfiehlt sich von hier aus ein Trip ins nahe Friedrichshain um den Unterschied zu bemerken, von Ausnahmen einmal abgesehen, oder noch besser nach Treptow( noch östlich
unverfälschter).
überfällige Honorare
Mai 5, 2006
Langsam bin ich es leid.
Immer häufiger werde ich in letzter Zeit dazu genötigt, diversen Zeitungen, die Auszahlung
höchst überfälliger Honorare anzumahnen.
Neuerdings scheint sich das Rotationsprinzip in den Finanzbuchhaltungen vieler Zeitungsverlage eingeschlichen zu haben.
Jedesmal hat man eine andere Dame( Herren gibt es selten) als Kontaktperson die von nichts eine Ahnung hat, keine Information über das Datum der Auszahlung geben kann und um einen Rückruf, morgen, übermorgen oder zum Sanktnimmerleinstag bittet.
Bisweilen versendet man 3-4 Rechnungen an 3-4 verschieden Mitarbeiter um dann von der fünften Person die Bitte zu erhalten die Rechnung doch noch einmal zu schicken.
Die zuständigen Redakteure, diejenigen die auch den Artikel oder das Interview gekauft haben und regelmäßig eine rasche und hochwertige Story erbitten, fühlen sich plötzlich für die Zahlungsmodalitäten nicht zuständig und verweisen wiederum an eine andere Person.
Ich halte diesen Zustand für eine Schweinerei und möchte die betreffenden Personen gerne einmal erleben wenn ihr Gehalt Wochen später als geplant überwiesen wird.
Offensichtlich herrscht bei den betreffenden Redakteuren und Ressortleitern der Irrglaube vor ,freie Journalisten wären immer die Kinder reicher Eltern die ihre laufenden Kosten durch Mamis Scheck begleichen.
Es sind dann auch die gleichen Personen die regelmäßig Nebentätigkeiten freier Journalisten
thematisieren und kritisieren , besonders dann wenn es sich um PR-Tätigkeiten handelt,
ohne ihren angeblich sonst so kritischen Blick auf gesellschaftliche Misstände im eigenen Umfeld zu beseitigen.
erweiterte Freizügigkeit-verstärkte Auswanderung
Mai 4, 2006
Seit dem 1.Mai haben Finnland, Griechenland,Spanien und Portugal ihren Arbeitsmarkt für
die Bürger der neuen EU-Staaten geöffnet.
Polen, Litauer, Ungarn u. A. können sich ab sofort, ohne Übergangsfristen, in den betreffenden Staaten niederlassen.
Schon direkt nach der Osterweiterung hatten Großbritannien , Irland und Schweden dieses
Grundrecht in der EU-Verfassung garantiert.
Die Benelux-Staaten und Dänemark werden wahrscheinlich in Kürze nachziehen.
Die EU-Gründungsmitglieder, Deutschland, Italien und Frankreich werden neben Österreich,
aus Angst vor einer massiven Zuwanderung, die Übergangsfristen beibehalten.
Seit der Osterweiterung vor 2 Jahren haben tatsächlich hundertausende Menschen ihre
Mittelosteuropäischen Heimatländer verlassen und sind aus Abenteuerlust, Ehrgeiz oder der
Flucht vor Arbeitslosigkeit und niedrigen Löhnen überwiegend nach Irland , Großbritannien und Spanien gezogen.
Alleine in Irland dürften sich hundertausend Litauer niedergelassen haben.
Etwa dreihundertausend Osteuropäer arbeiten im Vereinigten Königreich mit steigender Tendenz.
Mein guter Freund G. aus London, ( gebürtiger Litauer), trifft immer häufiger ehemalige Bekannte, Klassenkameraden und Studienkollegen aus seiner Heimatstadt Vilnius.
An den von Zuwanderungsängsten geplagten Staaten ist dieser Treck bisher vorbei gezogen.
Ihr Talent, ihre Energie und ihre Arbeitskraft stellen diese neu EU-Bürger bisher dem britischen ,irischen und spanischen Volkswirtschaften zur Verfügung.
Dort füllen sie wichtige Lücken auf dem boomenden Arbeitsmarkt, bieten ihre Dienstleistungen
als Freiberufler an, gewinnen neue Sprachkentnisse und erweitern ihren Horizont.
Das Projekt Europa wird für diese Menschen zum gelebten Alltag, jenseits der in Paris, Brüssel und Berlin geschwungenen Sonntagsreden.
Die jungen EU-Neubürger haben mit den Füßen abgestimmt und sich dabei für das
angelsächsische Modell der freien Marktwirtschaft entschieden.
Ein Wirtschaftssystem das ihnen keine soziale Absicherung verspricht kein Sicherheitsdenken
begünstigt, sondern ganz profan die Chance eröffnet , basierend auf harter Arbeit,
einen höheren Lebensstandart zu erreichen.
Der gescheiterte Wohlfahrtsstaat, das System der permanenten Umverteilung, übt dabei keine Anziehungskraft aus und bietet ja auch eigenen Bürgern immer weniger Perspektiven.
Nicht nur dieOsteuropäer haben dieses erkannt.
Heute ist in der FAZ wieder ein Artikel über die gestiegene Auswanderung
erschienen.
Inzwischen ist die Bundesrepublik nicht nur Rekordhalter bei den niedrigen Geburtenraten sondern auch bei den Auswanderungszahlen.
Gerade die jungen und gut ausgebildeten verlassen das Land.
In wenigen Jahren werden die Zahlen der Auswanderer, die der Eingewanderten schon übertreffen.
Wobei Deutschland schon seit Jahren überwiegend gering qualifizierte Menschen einwandern lässt und bei der Rekrutierung ausländischer Spitzenkräfte scheitert.
Eine Entwicklung die man in Deutschland schon bald zu spüren bekommen wird.
F.K
Mai 1, 2006
In den letzten Tagen habe ich F.K zufällig zweimal auf der Straße getroffen.
Ein britischer Journalist hat gerade ein Buch veröffentlicht das auf seiner Idee basiert.
Er bat mich eine Rezension zu schreiben und ließ mir ein Exemplar zukommen.
Morgen fliegt er nach New York und plant die Produktion eines neuen Musicals.
Ein Verlag hat ihm 30.000 Euro Vorschuß für eine Biographie angeboten.
Es scheint mit ihm wieder aufwärts zu gehen.
Seine politischen Analysen sind messerscharf .
Bezüglich der politischen Klasse Deutschlands nimmt er kein Blatt vor dem Mund und hält das
System für marode und unfähig die notwendigen Reformen zu initiieren.
F.K schildert oftmals Anekdoten aus seiner Vergangenheit als erfolgreicher Geschäftsmann und lästert dabei auf hohem Niveau über die sogenannte geistige Elite der Republik.
Gespräche mit ihm sind immer erfrischend.
Leute seines Schlages gibt es zu wenig in Deutschland.
Internetcafé
Mai 1, 2006
In den letzten Tagen habe ich mal wieder einige Internetcafés aufgesucht.
Der Besuch einer solchen Einrichtung ist in Berlin jedesmal ein erregendes Erlebniss.
Nein, zum ruhigen Arbeiten kommt man dort nicht, sollte sich auch dieses gar nicht erst vornehmen.
Selbst das Erstellen und Beantworten einer E-Mail ist dort schon eine gewisse Herausforderung.
Kids aus bildungsfernen Elternhäusern scheinen diese Plätze erobert zu haben, zusammen mit
Päderasten, Pädophilen, politischen Extremisten und anderem Lumpenpack.
„Ey fick Dich selbst, Du Opfer!“ oder „Jude, nimm Deine Finger weg“ sind häufig aufzuschnappende Konversationsfetzen.
Jetzt aktuell trägt ein Jungmacho gerade ein anatolisches Volkslied mit zittriger Stimme vor,
während ein Discoflittchen ihren Freundinnen die neuesten Klingeltöne auf dem Handy präsentiert.
Mein Sitznachbar trägt Headphones und lauscht versonnen einer Ansprache, der auf dem Bildschirm erscheinenden Fratze des Hissbollah-Chefs, aus dem Libanon.
Nach seiner Gestik zu urteilen, geht es dabei nicht um die touristischen Schönheiten der Levante.
„Hurensohn“, „Du Nutte“ schallt es aus der hinteren Ecke der Einrichtung.“Ich hab kein Bock auf Party, ich schwörs Dir“.
„Der kulturelle Verfall vollzieht sich zehnmal stärker als der genetische“, behauptet
Konrad Lorenz in einem seiner Bücher.
Eine These, die sich während des Besuches eines berliner Internetcafés eindrucksvoll zu bestätigen scheint.
Letters from London
Mai 1, 2006
R. berichtet von einem peinlichem Zwischenfall.
Vor einigen Tagen hatte sie eine wichtige Präsentation.
Ihre Kollegen, sämtliche Abteilungsleiter und sogar der Big Boss waren anwesend.
Die Belegschaft hatte es sich auf Stühlen im Besprechungszimmer bequem gemacht.
Aus Mangel an Tischen wurden Kaffetassen und Lebensmittel (kleine Snacks, etc.) auf dem
Boden abgestellt.
R. war sehr nervös, es handelte sich um ihre erste Präsentation in der neuen Firma.
Deshalb auch hatte sie sich ordentlich aufgedonnert.
Zu ihrem neuen Designerfummel trug sie fleischfarbene Strumpfhosen.
Nach einer kurzen Begrüßungsrede wurde R. schließlich nach vorne gebeten.
Beim Aufstehen trat sie mit dem einen Fuß in eine der am Boden abgestellten Kaffetassen,
deren Inhalt breitgestreut durch die Gegend spritzte und sich auf die Kleidung der Kollegen
niederließ.
Bei dem verzweifelten Versuch ihr Gleichgewicht zu halten zertrat R. mit dem bisher unversehrten Fuß ein mit Eiern belegtes Sandwich und stürzte schließlich, laut schreiend,
auf ihren Big Boss .
Während der anschließenden Präsentation gelang es R. nach einiger Zeit sich auf das Themengebiet zu konzentrieren.
„Es lief eigentlich ganz gut. Unangenehm war nur das ,während ich meinen Kollegen gegenüberstand, die ganze Zeit Kaffee von meiner fleischfarbenen Strumpfhose tropfte.“








