Anmerkungen zur NPD

August 26, 2006


Seit einigen Monaten arbeite an einem Artikel mit dem Titel“Unser Nachbar NPD“.
Die Idee kam mir vor rund einem Jahr, als ich zusammen mit S. vom Köpenicker Tourismusverband zu einem Wochenende in dem Stadtteil eingeladen wurde.
Der Bezirk versuchte mit dieser Aktion das touristische Potential des Bezirkes zu erhöhen und lud zu diesem Zwecke Journalisten und Tourismusexperten ein.
Gegenüber vor unserem Hotel klebte ein Plakat der NPD an einer Laterne.
Das Konterfei von Udo Voigt war darauf abgebildet.
Wenig später, noch vor dem Eintreffen der meisten Gäste, war das Plakat plötzlich entfernt wurden und meine berufsbedingte Neugier geweckt.
Statt mich dem offizellem Rahmenprogramm anzuschließen (organisierter Stadtbummel etc.),
machte ich mich alleine auf dem Weg um die versteckte braune Seite des Bezirkes zu erforschen.
An einem Denkmal aus kommunistischer Zeit, eine Arbeiterfaust in steinerner Form, kraxelten zwei Jugendliche herum.
Mit diesen Jungs kam ich ins Gespräch und wir landeten ziemlich schnell bei der NPD, bzw. der NPD-Bundesgeschäftsstelle in der Seelenbinderstr. , nur ein paar Häuserblocks entfernt.
Die beiden jungen Bewohner des Kiezes zeigten mir das betreffende Straße und führten mich an der braunen Immobilie vorbei.

Sowohl die Straße , als auch das Gebäude wirkten unscheinbar.
Die Seelenbinderstr. ist an Unauffälligkeit nicht zu überbieten.
Als Kleinbürgerlich könnte man das Millieu mit Recht beschreiben.
Die beiden Jugendlichen definierten sich als politisch Links und gaben sich als Gäste des linken Jugendcafés zu erkennen, welches sich nur ein paar Gehminuten von der NPD-Zentrale entfernt befindet.
Eine ruhige Seitenstraße,die NPD-Zentrale und ein linkes JugendCafé gleich um die Ecke, das ist der Stoff aus dem gute Reportagen entstehen.
Im April begann ich mit einem Kollegen die Recherche.
In regelmäßigen Abständen besuchten wir den Bezirk und die betreffende Straße.
Wir kamen ins Gespräch mit Anwohnern, Geschäftstreibenden und Passanten.
Besonders interessierte mich die Auswirkungen dieser „bizarren Nachbarschaft“ auf die Anwohner und das soziale Umfeld.
Natürlich auch im Hinblick auf die bevorstehenden Wahlen.
Bei der letzten Bundestagswahl hat diese Partei, in einem Wahlokal in der Seelenbinderstr., rund 6% erlangt.
Im ganzen Bezirk Treptow-Köpenick 2,4%.
In dem Bezirk, in der Straße ,schlägt die NPD Wurzeln.
Sie zieht Nichtwähler, Lumpenproletariat, Jugendliche und ehemalige PDS-Anhänger an.
Sie stützt sich auf das gut organisierte Netz von sog. Freien Kameradschaften.
Die Partei veranstaltet gut besuchte Familenfeste, gibt Nachhilfeunterricht und untersützt Arbeitslose bei ihren Harz 4 Anträgen.
Auf dem Gelände der Zentrale steht das neue NPD-Bildungszentrum kurz vor der Einweihung.
Nein in die Mitte der Gesellschaft stößt die Partei nicht vor.
Diese Mitte, wenn überhaupt vorhanden, existiert in Köpenick nur marginalisiert.
Diese Gegend ist wie andere Ecken im Osten der Republick, wie auch soziale Brennpunkte im
Westen, ein fruchtbarer Boden für die Partei und deren Ideologie.
Das Erbe von 60 Jahren Totalitarismus, die Abwesenheit von urbaner Bürgerlichkeit , die nichtvorhandene Alltagserfahrung mit Zuwanderern etc, Arbeitslosigkeit , politische Indifferenz
und geistige Orientierungslosigkeit ,schaffen ein günstiges Klima für Xenophobie, Irrationalität und Resentiments.
Ressentiments gegen die da oben, die Anderen, die Einwanderer, die Fremden, gegen die Stadt, das Kosmopolite etc.
Schnell wurde mir klar das ich diesen Artikel, diese Reportage ,ohne einen Besuch in der betreffenden Zentrale, dieses Gebäude mit den heruntergelassenen Rolläden, den Video überwachten Eisenzaun und der schmutzig,gelben Fassade, nicht schreiben könnte.
Der Artikel ist fertig, es gibt inzwischen schon zwei Versionen.
Von der Qualität des Artikels und dessen beklemmender Aktualität bin ich überzeugt.
Trotzdem ,habe ich selten schärfere Reaktionen von Seiten diverser Redakteure verschiedener Zeitungen erfahren.
So schnell wurde noch nie auf einen von mir angebotenen Artikel reagiert und noch nie eine
schnellere Absage formuliert.
Es wurde mir nicht direkt mitgeteilt, aber ich vermute das mein Besuch in der Zentrale und meine Kontaktaufnahme mit Voigt der wahre Grund für diese Reaktion sind.
In der akademisch-publizistischen Kunstlandschaft, die sich gemeinhin demokratische Öffentlichkeit nennt, gilt dieses als Tabubruch.
Ferner habe ich einen Wahlerfolg der NPD in mindestens drei Ostbezirken prognostiziert.
Die 3% Hürde auf BVV-Ebene , das Herabsenken des Wahlalters auf 16 Jahre und die schon erwähnten Wahlergebnisse der jüngsten Vergangenheit lassen darauf schließen.
Außerdem die gravierenden sozio-politischen Veränderungen im ostdeutschen Wahlverhalten.
Bald werden wieder viele festangestellte Journalisten, ihre Büroräume verlassen und in Scharen in die betreffenden Bezirke strömen.
„Oh nein, wie konnte das passieren!“ wird man sich fragen.
Experten werden eingeladen in TV-Shows und aufgeregt über Strategien nachdenken.
Nun wir werden sehen. Vielleicht kommt es auch anders. Vielleicht wird der Artikel auch noch veröffentlicht.
Beides würde mich freuen.
Sicher bin ich aber keineswegs.


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