Dinner mit George W. Bush

November 28, 2006

L. aus Lettland rief mich vorhin an. Er war sehr aufgeregt. Heute Abend, irgendwann gegen 19.oo Uhr, ist er zu einem Dinner mit George W. Bush und der lettischen Präsidentin Freiberga eingeladen. L. ist ein smarter Jungunternehmer aus einer kleinen Hafenstadt südlich von Riga. Er verkörpert den Typus eines jungen Unternehmers wie man ihn sehr häufig im Baltikum antrifft. Vor einigen Jahren hat er sich selbsständig gemacht. Zusammen mit einigen Freunden und Verwandeten hat L. damals, es war unmittelbar nach seinem Abitur, ein ehemaliges KGB-Gefängniss  gekauft und dort ein Museum plus einem Hotel errichtet. Zahlreiche Touristen besuchen inzwischen diese, zum Touristenidyll ,umfunktionierte totalitäre Horrorstätte. Für einen symbolischen Übernachtungspreis  kann man dort sogar auf einer unbequemen Holzpritsche, in einer ehemaligen KGB-Gefängniss-Zelle, übernachten.L. ging fälschlicherweise davon aus  das ich mich auch, anlässlich des heutigen NATO-Treffens, in der prachtvollen lettischen Hauptstadt aufhalte.  Er bestellte mir schöne Grüße von A.R, der charmanten Pressesprecherin der lettischen Präsidentin, und versicherte mir das diese nicht mehr sauer auf mich sei. Ich hatte damals in einem Artikel Riga als Bordell des Baltikums bezeichnet und bezog mich auf den grasierenden Sex-Tourismus in der lettischen Hauptstadt. “Schade ,  ich dachte wir könnten heute Abend die Stadt unsicher machen!. Wie damals in Narwa!“

Anfang des Jahres, hatten L. und ich uns in der östlichsten Stadt der EU, im estnischen Narwa kennengelernt. Anlässlich einer Veranstaltung ,war ich dort mit Dutzenden anderen Journalisten aus ganz Europa eingeladen.  Auf Kosten der örtlichen Gemeindeverwaltung und finanziert von den EU-Födergeldern, wurden wir im besten und einzigenHotel am Platze untergebracht und verköstigt. In der ersten Nacht hatten wir damals, bei klärendern Kälte und dichtem Schneetreiben, das örtliche Nachtleben erkundet. Dieses „Estonian Saturday Night Fever“ begann in der größten Disco der Stadt und endete in einem Wachhäuschen des ,ebenfalls von EU-Fördergeldern errichteten, estnischen Grenzschutzes. Narwa ist nicht gerade als Mekka für ausländische Nachtschwärmer bekannt. Die Stadt in unmittelbarer Nachbarschaft zu Russland, nur der gleichnamige Fluss trennt dort Estland vom Imperium des Wladimir Putin, ist von einer beispiellosen AIDS-Pandemie betroffen wie man sie sonst eher in Afrika vermuten würde. Außerdem gehört Narwa zum Operationsfeld der russischen Mafia und wird von zahlreichen militanten Skinheads bevölkert, die gelegentlich ausländische Besucher, besonders wenn diese über ein levantinisches Aussehen verfügen, in ein blutigen Klumpen Fleisch verwandeln. Trotz dieser Rahmenbedingungen , machten wir uns gegen 22.00 Uhr auf den Weg in den besagten Tanztempel. Fast die gesamte Jugend, sofern sie nicht nach Tallinn, Helsinki oder London abgewandert war, traf sich  dort auf der Tanzfläche.Platinblonde Partygirls ließen ihre Becken kreisen und bewegten sich im Rythmus des importierten musikalischen Mülls.

Gegen 2 Uhr morgens , nach unzähligen Flirts und reichlich Wodka , machten wir uns auf dem Weg zurück ins Hotel. Das Schneetreiben hatte inzwischen apokalyptische Ausmaße angenommen , man konnte  seine eigene Hand nicht mehr vor den Augen sehen. Schließlich wurden wir ein Opfer der sowjetischen Stadtplanung und kamen vom Wege ab. Einge Minuten später standen wir an der EU-Außengrenze und schauten über das zugefrorene Flussbett auf das gegenüberliegende Iwangorod auf der russischen Seite.“Nur noch 100 Kilometer bis St Peterburg“ sagte L. „Wenn wir uns beeilen, können wir dort noch etwas Party machen!“, fügte er als Scherz hinzu.   

Plötzlich traten 5 Grenzbeamte auf uns zu. „Halt! Ihre Papiere“ riefen diese Uniformierten auf Russisch“  Man hielt uns für illegale Grenzgänger und forderte uns unsanft auf die Beamten, ins schon erwähnte Grenzhäuschen, zu begleiten.Dort angekommen, klärte sich das Mißverständniss sehr schnell auf. Man entschuldigte sich tausendmal und fuhr uns direkt ins Hotel.Während ich in der Badewanne meines Hotelzimmers langsam wieder auftaute, beschloss ich ein Buch mit dem Titel „An den Grenzen der EU „anzufertigen und mich noch so lange wie möglich ,nicht meinem Alter entsprechend, zu verhalten. „Ich schicke Dir morgen ein paar Fotos vom mir und George W. Bush“ sagte mir L. zum Ende des Gespräches und lud mich abschließend , zum wiederholten Male, in sein KGB-Hotel ein.

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