Mein letzter Tag im alten Büro ist angebrochen.
Morgen werde ich den Schreibtisch räumen und den Arbeitsplatz meinen Nachmietern übergeben.
Schade, ich habe mich hier sehr wohlgefühlt und in den letzten 10 Monaten hier mehr Zeit verbracht als in meiner Wohnung.
Hier konnte ich immer gut und mit klarem Kopf arbeiten,am Tag und in der Nacht- und die Orte, wo man gut arbeitet, sind die Orte,die man am meisten liebt.

Letters from London

April 24, 2006

R. hat Ihren Schwangerschaftstest absolviert.
Fehlanzeige.
Große Erleichterung!
Trotz ausgeprägtem Kinderwunsch, ihre biologische Uhr tickt inzwischen lauter als die Glocken von Big Ben,wäre der Zeitpunkt jetzt wohl alles andere als günstig.

M.M

April 24, 2006

Gestern Treffen mit M.M beim Vietnamesen in Mitte.
Er erzählte von seinem neuesten Buch, von seinen erotischen Eskapaden( Tschechischer Pornostar, etc.) und von seinen Reisen.
Thailand, Brasilen,Peru, Curacao usw.
Man hat M.M für einige Monate nicht gesehen und er schon hat er wieder zahlreiche Länder auf verschiedenen Kontinenten besucht.
M.M lobt meine Homepage und denkt darüber nach sich selbst eine erstellen zu lassen.
Er empfiehlt mir sexuelle Ausschweifungen um einen klaren Kopf zu gewinnen.

SMS von K.

April 22, 2006

SMS von K. :

„Habe geträumt:
Ramon und ich befreien S. aus den Fängen einer Sekte.
Ramons Kamera immer dabei!
Dieses Drama ereignete sich irgendwo in Indien.
LG
K.J“

Was für ein schöner Traum!

Letters from London

April 22, 2006

R. ist gerade auf dem Rückweg von Brighton.
Wie immer werden unsere “ Bahngespräche“ durch die Lautsprecherdurchsagen, an den jeweiligen Stationen, massiv gestört.

R.befürchtet das die BNP bei den kommenden Regionalwahlen massiv zulegen wird.
„Immigration and Education“ sowie die dazu gehörigen simplen Rezepte sind das
Wahlkampfthema dieser Partei“,berichtet Sie.
Ihre Sorge wird von einigen britischen Kommentatoren geteilt.

Sie überlegt sich eine Wohnung in Brighton zu kaufen und ist nach gut einem Monat von ihrem
neuen Job, in einem londoner Vorort, gelangweilt.
Einige Ihrer neuen Kollegen hält Sie für „white trash“, die meisten für Vorstadtspießer.
„Ich habe das Gefühl in einem deutschen Provinznest zu arbeiten. Dieselbe Kleingeistigkeit, dieselbe Enge des Horizontes.“

Shirin Ebadi

April 19, 2006

Gerade zurück von der Pressekonferenz mit Shirin Ebadi.
Die iranische Friedensnobelpreisträgerin reist aktuell um die Welt und promoted ihre Biographie:
„Mein Iran“.

Frau Ebadi ist eine mutige Frau und eine Kämpfernatur.
Sie wurde 1975 zu einer der ersten weiblichen Richter ernannt und übernahm schon bald den Vorsitz des Teheraner Gerichts.
Gleich zu Beginn der Revolution verlor Sie ihre Anstellung und arbeitet seitdem als
Rechtsanwältin.
Die Rechte von Kindern und Frauen gehört zu einem ihrer Arbeitsschwerpunkte.
Sie hat eine NGO gegründet, die bis heute von den iranischen Behörden nicht als offizielle Institution anerkannt wird.
Viele Ihre Klienten werden von Ebadi und ihren Mitstreitern ohne Honorar betreut.
Im Jahr 2000 wurde Sie verhaftet und angeklagt.
Weder Einzelhaft, Berufsverbot noch finanzielle Schwierigkeiten konnten Frau Ebadi bisher von ihrem politischen Kampf und ihrem Engagement abbringen.
2003 erhielt Sie für Ihre Arbeit den Friedensnobelpreis.
Damals äußerte Sie sich optimistisch über die Entwicklung der Zivilgesellschaft im Iran und propagierte eine Art systemimanente Demokratisierung.

Frau Ebadi sah heute müde aus.
Statt eines kämpferischen Optimismus wie noch vor einigen Jahren, war ihr Gesichtsausdruck
heute von tiefer Sorge geprägt.
Auf die Fragen der Journalisten antwortete Sie klar aber auch vorsichtig abwägend .
Ob sich der Druck des Regimes erhöht habe,wie es um die Rechte der Homosexuellen bestellt sei, wie Sie die außenpolitischen Spannungen interpretiere, etc..
Frau Ebadi verkörpert den Typus Frau, wie er häufig in totalitären Systemen entsteht.
Die Kampfbereitschaft und das Engagement dieser Frauen ist um ein vielfaches stärker als das
vieler Männer.
Die politische Urteilsfähigkeit , der politische Instinkt ist oftmals schärfer ausgeprägt als der vieler männlicher Dissidenten.
Für die betreffenden Regime sind diese Art von Frauen wesentlich gefährlicher als eine ausländische militärische Drohkulisse.
Sie höhlen die Diktatur von Innen aus legen die ideologischen Widersprüche offen.

Bärbel Bohley ist so ein Typ von Frau,Ann Sang Sung Khi auch.
Woher diese Frauen Ihre Kraft schöpfen, was Sie aufrecht hält ist nicht bekannt.
Nach einem erfolgreichen Regimewechsel, dem Ende einer Diktatur verschwinden diese Frauen meistens sehr schnell von der politischen Bühne und geraten bald in Vergessenheit.

Liberale Dogmen

April 18, 2006

Die Begriffe „Offene Gesellschaft“ und „Liberalismus“ erleben einen neuen Höhenflug in bestimmten politischen Webblogs.
Bis vor kurzem waren diese beiden politischen Termini noch ein Schimpfwort für dejenigen die heuten in deren Namen so etwas wie einen neuen liberalen Puritanismus propagieren.
Viele dieser Propagindisten waren noch kürzlich dogmatische Marxisten und pedantische linksextreme Sektierer.
In der gleichen Weise wie sie gestern die Feinde des Sozialismus entlarvten ,stellen sie heute so
etwas wie das Schwert und Schild des Liberalismus da.
Zweifel sind nicht erlaubt.
Der Feind erkannt ,das Ziel benannt, der Weg beschritten.
Läßt sich der Liberalismus zu einer dogmatischen Ideologie formen?

Dazu ein interessanter Artikel/Kommentar der vor fast 10 Jahren im „Wall Street Journal“ erschien.

„Die Ideologie, jede Ideologie, sogar die programmatisch radikal antitotalitäre, trägt totalitäre Bestrebungen in sich ( eine ausschließliche und dominierende Position zu erringen).
Nach Ansicht des britischen Philosophen Roger Scruton herrscht heute, nach den beiden totalitären Ideologien Faschismus und Kommunismus, die Epoche des totalen Liberalismus, “ in der uns das Recht verbietet, etwas zu verbieten“.Und er fügt hinzu: Unser Recht ist ungemein nachsichtig gegen jene, die Böses tun,doch unbarmherzig gegenüber Menschen, die das zu verhindern suchen.“
(“ The Wall Street Journal“, 13.11.1996)

Haaretz meldet einen Selbstmordanschlag in Tel Aviv.
Bisher 9 Opfer und zahlreiche Verletzte.
Der Täter sprengte sich an einem Falafelstand, unweit der Central Bus Station,in die Luft.
Die Gegend ist geprägt von Einwanderern,nicht von den offiziellen der als jüdische Aliyha
registrierten, sondern von Israels neuen Migranten -den Gastarbeitern.
Viele Afrikaner leben dort ,in billigen Appartements, neben rumänischen Bauarbeitern,
phillipinischen Haushälterinnen, Erntehelfern aus Thailand undMyanmar,Handlangern und
Kleinhändlern aus China.
Callcenter, Internetcafes und Ethnocafés reihen sich dort aneinander, geben den baufälligen
Häusern ein farbenfrohes Kolorit.
Eine phillipinische Kirche steht neben einem rumänischen Restaurant und einem afrikanischen Lebensmittelladen.
Die Menschen leben dort dicht gedrängt, ständig auf der Suche nach Arbeit und bedroht von der Abschiebung.
Die Familienzusammenführung ist in vollem Gange.
Viele dieser Migranten konvertieren nach einiger Zeit zum Judentum,um irgendwann in den Besitz der israelischen Staatsbürgerschaft zu gelangen.
Die Menschen kommen aus den gleichen Gründen dorthin aus welchen sie nach Großbritannien,
Deutschland , Schweden ziehen.
Für sie ist Israel ein Teil der ersten Welt, des Westens,ein Versprechen auf eine besseres Leben.
Sie kamen als die israelischen Behörden begannen die Palästinenser aus den besetzten Gebieten auszusperren und deren kümmerliche Existenz als Tagelöhner zu beenden .
Nach erstenMeldungen war der Attentäter erst 16 Jahre alt.
Er gehört zu einer Generation von Jugendlichen in den Gebieten, die Israelis nur noch als bewaffnete uniformierte Soldaten und als anonyme Masse wahrnehmen.
Ihre Väter hatten noch menschliche Kontakte, mit Ihren Arbeitgebern, saßen in den Pausen zusammen, erzählten von Ihren Familien und von ihren alltäglichen Sorgen.

Diese Nachricht aus Israel ruft bei mir zwei Erinnerungen wach.

Eines Morgens arbeiteten zwei Männer im Garten von A.´s Haus ,in einemVorort von Tel Aviv.
Es war Frühjahr und zu dieser Zeit erblüht im Nahen Osten die Natur.
„Bringst Du den Beiden bitte etwas Tee und Gebäck“,bat mich A, „..aber sei vorsichtig es sind Palästinenser. Drehe ihnen nicht den Rücken zu.“
Die beiden Männer , sie waren ungefähr in meinem Alter,mussterten mich skeptisch.
Erst als Sie feststellten das ich kein Israeli bin kamen wir ins Gespräch.
Wie es Ihnen in Israel gefalle fragte ich die beiden Gärtner aus Gaza.
„Sehr schön ich wünschte wir könnten auch so leben und nicht wie die Tiere in irgendeinem Loch.“ sagte der Eine, während er seinen Würfelzucker im Tee auflöste.
„Eines Tages wird dieses Land wieder uns gehören“, der Andere „. Wenn ich es nicht mehr erlebe -meine Enkel auf jeden Fall.“

Eines Tages irrte ich in der Nähe der Central Bus Station umher.
Ich fragte einen Passanten nach dem Weg.
Der Mann war Afrikaner , ich hielt Ihn zunächst für einen Äthiopier, bis er sich mir als
Somali vorstellte.
Er war erst seit kurzer Zeit in Israel und arbeitete als Nachtwächter in einem Gebäudekomplex.
„Mein Vorgänger war ein Palästinenser aus Ramallah“, erzählte er mir freimütig, „..Wir konnten uns mühelos auf arabisch unterhalten“, fügte er hinzu.
Wie es Ihm in Israel gefalle,fragte ich auch ihn.
„Es ist das Paradies, ich möchte gerne für immer bleiben!“

Wußte der Attentäter wo er seine Bombe zündete,war der Ort bewußt gewählt oder hatte man ihn dort zufällig abgesetzt?
Brachte er den Tod wahllos unter die Menschen oder wollte er gezielt diejenigen treffen,die
heute die ehemalige Arbeit seines Vaters,Bruders oder Onkels verrichten?

Jama Masjid

April 17, 2006

Vor einigen Tagen kam es in der Jama Masjid,einer der größten Moscheen Dehlis ,zu einer
Explosion.

Vor über 7 Jahren wollte ich mit K. dieses imposante Bauwerk aus der Mogul-Zeit besichtigen.
Es war ein Freitag, wie beim Zeitpunkt der Explosion, tausende von Menschen strömten in das
Gebäude.
K. trug Jeans und ein enges pinkfarbenes T-Shirt.
Plötzlich flogen Kieselsteine und prasselten von allen Seiten auf uns ein.
Die Steinwürfe richteten sich gezielt gegen K., gegen Ihre Weiblichkeit, Ihre Schönheit, Ihre Kleidung und Ihre Ausstrahlung.
Wir kehrten noch auf der Treppe um.
Ordinäre Gesten und Flüche begleiteten uns auf dem Weg zurück.

Ahmadinejad

April 15, 2006

M. rief eben aus Teheran an.
Er fragt ob ich im Oktober mit Ihm in den Iran reisen möchte.
Was man im Westen über die neuen Äußerungen des iranischen Präsidenten denkt, wollte er
außerdem wissen.
„Israel is a rotten dried tree“ ,hatte der Präsident gestern auf der sogenannten Quods-Konferenz geäußert und dem jüdischen Staat wiederholt mit der Vernichtung gedroht.
Der Mann sei eine Lachnummer, fügt M. hinzu ,nur noch das Lumpenproletariat würde auf Ihn
hören.

Im Norden Teherans, dort wo die Reichen und Gebildeten wohnen, habe man sich höchstens
an der Tatsache gestört, das Ahmadinejad sich bei seinen verbalen außenpolitischen Amokläufen in Metaphern auszudrücken pflegt, berichtet M.
„Das sei ein Privileg welches höchstens gebildeten Persern gestattet sei“, fügt er hinzu.

Ob Ihm eine klassische Metapher oder ein persisches Sprichwort zur aktuellen politischen Lage im Iran einfalle, frage ich M. der ein intimer Kenner und Bewunderer der persischen Literaratur ist.

„Sogar zwei“, antwortet er mir vergnügt.

„Ich bin nicht fremd hier, doch diese Zeit gehört mir nicht,und ich gehöre nicht dieser Zeit.“

und..

„Jede dunkle Nacht hat ein helles Ende“