Henning Mankell“Der Chinese“/Wird China die Welt kolonisieren?

Juli 4, 2008

Lou-shan Pass

Westwind, schneidend,

hoch am Himmel Wildgansruf, frostiger

Frühmond.

Frostiger Frühmond:

von Pferden der Hufschlag, klirrend,

Trompetenschall, der verschluckt wird…

MAO TSE-TUNG, 1935

(Auszug aus den Gedichten, Übersetzung:Joachim Schickel)

Maoistisches Propagandaplakat

Vor einigen Tagen betrat ich eine Buchhandlung am Prenzlauer Berg. Es war am frühen Nachmittag, das Geschäft war menschenleer.

Eine nachlässig geschminkte Verkäuferin blätterte gelangweilt in einer Illustrierten. “Haben Sie das neue Buch-”Der Chinese”-von Henning Mankell vorrätig?, fragte ich.

Die Verkäuferin blickte zu mir auf, sprang vom Stuhl,  schmiß die Illustrierte auf den Tisch. Eine Schweißperle tropfte ihr von der Stirn.”Junger Mann,natürlich haben wir Mankell vorrätig. Da könnte ick mich ja gleich vor die S-Bahn schmeißen,wenn wir dieses Buch nicht vorrätig hätten!”  

Henning Mankell, „der Chinese“. Ich legte dieses Buch nicht mehr aus der Hand, 48 Stunden später hatte ich es durchgelesen.

Wie auch in seinen letzten Romanen, spannt sich der Handlungsbogen über Kontinente und Zeitalter hinweg.Das globale entfesselte Tempo unserer Epoche spiegelt sich wieder in Mankells Romanen.

Es beginnt mit einem Massaker in der nordschwedischen Provinz:”Er klopfte ans Fenster, so hart er zu klopfen wagte.Nichts geschah. Er holte sein Handy   aus der Tasche  und gabe die Nummer des Notrufs ein.Das Netz war war so schwach, dass er keinenKontakt bekam.Er lief hinüber zum dritten Haus und klopfte an die Tür. Auch hier öffnete niemand.Er fragte sich, ob er sich in einer Landschaft befand, die sich in einen Albtraum verwandelte. Neben der Tür lag ein eiserner Fußkratzer. Er setzte ihn am Schloss an und brach die Tür auf.Sein einziger Gedanke war, ein Telefon zu finden. Als er ins Haus stürzte , erkannte er zu spät, dass der gleiche Anblick, der eines toten Menschen , ihm auch hier begegnen würde. Auf dem Fußboden in der Küche lag eine alte Frau. Ihr Kopf war fast ganz vom Hals getrennt. Neben ihr lag ein Hund , der in zwei Teile gespalten war.”   

“Der Chinese” sorgte gleich nach der Veröffentlichung für Aufsehen. Dieses Buch sei sinophob , hieß es. Andere Kritiker entdeckten eine Verharmlosung der MAO-Diktatur. 

Henning Mankell hat aus der politischen Sozialisation , aus der ideologischen Verirrung , seiner Jugendtage nie einen Hehl gemacht.

In dem Roman läßt Mankell seine Hauptfigur, die Richterin Birgitta Roslin häufiger über dieses Thema monologisieren:”Es sind vierzig Jahre vergangen, dachte sie. Mehr als zwei Generationen. Damals wurde ich von einer Sekte mit Erweckungscharakter angezogen wie die Fliege vom Zucker.Wir wurden nicht aufgefordert, kollektiven Selbstmord zu begehen, weil der Jüngste Tag nahe war, sondern unsere Identität aufzugeben zugunsten eines kollektiven Rausches, wo ein kleines rotes Buch jede andere Aufklärung ersetzt hatte.” 

http://de.wikipedia.org/wiki/Henning_Mankell

 

Im Januar 2004, eine frische Schneedecke hatte sich gerade über die malerische Altstadt von Stockholm gelegt, hatte ich mich mit Henning Mankell in einem Café- in der Sturehofgatan- verabredet.   

Als Mankell das Café betrat, war ich zunächst verwundert. Wie einer der erfolgreichsten Schriftsteller unserer Zeit, dessen Bücher in unzählige Sprachen übersetzt werden, sah dieser Mann, der mich jetzt aus traurigen Augen anschaute, nicht aus.

Mankell trug einen Parker, ein Holzfällerhemd und ausgebeulte Jeans. Das dieser Schriftsteller in den letzten Jahren bis zu 60 Millionen Euro verdient haben soll, durch den Verkauf seiner Bücher und der Filmrechte, sah man ihm nicht unbeding an.  

Mankell führte uns damals in ein abgelegenes Restaurant. Er berichtete von seiner Wahlheimat Maputto, der Hauptstadt von Mosambik , von seinem  Theaterprojekt, von seiner dortigen Wohnung, in der immer noch der Regen durch das Dach tröpfelt. Von der dortigen AIDS-Pandemie und seinem Pendeln zwischen den Welten, zwischen Schweden und Afrika.” Mit einem Bein lebe ich im Sand Afrikas, mit dem anderen im Schnee Schwedens”, sagte er uns damals scherzhaft. 

Das eigentliche Thema dieses Buches- der phänomenale Aufstieg der Volksrepublik China zu einer, vielleicht zu der, zukünftigen Supermacht- begegnet dem Leser erst nach der ersten Hälfte dieses Romans.

Möglicherweise hat Mankell in Mosambik , wo er auch dieses Buch geschrieben hat, die Folgen des wachsenden chinesischen Einflusses beobachtet.

Afrika wird von China überrollt. der senegalesische Journalist Adama Gaye spricht sogar von einer Rekolonisierung:Bitte den Link anklicken:http://ramon-schack.de/uploads/gaye_interview_sz.pdf

Wird China die Welt kolonisieren? Mankells Buch gibt keine Antwort auf diese Frage, kann auch keine Antwort geben, sondern deutet an.“Er war an diesem Tag achtundreißig geworden, und er wusste, dass er sich mitten in der größten Umwälzung befand, die China seit der Kulturrevolution erlebt hatte. Früher ein nach innen gerichtetes Reich, sollte die Aufmerksamkeit jetzt nach außen gehen. Obwohl im Politbüro ein dramatischer Kampf stattfand, welchen Weg man einschlagen sollte, war  YA RU ziemlich sicher, wie das Resultat ausfallen würde. Der Weg, den China eingeschlagen hatte, ließ sich nicht mehr ändern.Immer mehr Landsleuten ging es Tag für Tag ein wenig besser. Auch wenn sich die Kluft zwischen Stadtbewohnern  und Bauern noch vergrößerte, sickerte ein Teil des Wohlstands doch bis zu den Allerärmsten durch. Es wäre Wahnsinn zu versuchen, diese Entwicklung in eine Richtung zu lenken, die an die Vergangenheit erinnerte. Deshalb musste die Jagd auf ausländische Märkte und Rohwaren immer schärfer werden.“

“Der Chinese” ist der spannende Politik-Roman , eines der interessantesten europäischen Intellektuellen unserer Zeit . 

Die Thematik ist von einer beklemmenden Aktualität.

 

 

 

 

 

Zwischen den Fronten – Die neuen Achsen der Macht Teil 7

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