Georgien,Russland,Ossetien:Der „Kaukasische“ Kriegskreis/Das „Great Game“

August 10, 2008

Die Eilmeldungen aus dem kaukasischen Kriegsgebiet überschlagen sich.

Gestern gab ich mich kurzweilig dem CNN-Syndrom hin, von der geringen Hoffnung getragen, verwertbare Informationen über die tragischen Ereignisse zu erlangen.

Nachdem Betrachten unzähliger verwackelter TV-Bilder, beziehungsweise dem Gestammel der Moderatoren, die große Schwierigkeiten hatten die Orte der Konfliktregion einigermaßen erträglich auszusprechen,  schweifte ich mit meinen Gedanken ab. 

Im Herbst 1996 war ich der Einladung -einer georgischen Kommilitonin – gefolgt. Von Istanbul ging es, per Bus, entlang der türkischen Schwarzmeerküste, über Trabzon, direkt zur georgischen Grenze, bzw. in die Provinz Adscharien.

Mein erster Eindruck, von dem ehemaligen Obstgarten und Badeparadies der Sowjetunion, war alles andere als positiv.Ein Faktum welches einerseits mit den miserablen Wetterbedingungen zu tun hatte, es regnete in Strömen, viel mehr aber dem Verhalten und Auftreten der georgisch-adscharischen Grenztruppen anzurechnen war. 

Stundenlang wurden wir aufgehalten.Besonders die georgischen Reisenden, überwiegend Damen, wurden penetrant gefilzt,drangsaliert und mit nervtötenden Fragen belästigt. Die georgischen Grenzschützer wirkten agressiv, grobschlächtig und irgendwie verschlagen. Die entsicherten Kalaschnikows wurden den Einreisenden, ob nun Einheimischer oder Ausländer, drohend präsentiert. 

Schließlich wurde unser Bus durchgewunken und passierte die Küstentraße, in Richtung Batumi.  

Mit gemischten Gefühlen, so entnehme ich meinen damaligen Reisenotizen, schaute ich auf die nebelverhangene Küste. Die platten Wellen schlugen in dunkelgrauer Farbe an den Sandtrand und rechtfertigten den Namen Schwarzes Meer. Die Dörfer befanden sich in einem kläglichen Zustand der Verwahrlosung und postsowjetischer Depression. Junge Frauen und Männer sammelten sich in mißmutigen Gruppen vor den geschlossenen Jugendclubs.

Erst bei der Einfahrt nach Batumi, der legendären „Weißen Stadt“ am Schwarzen Meer, riss die Dichte Wolckendecke auf. Plötzlich, beim Blick auf die palmengesäumten Boulevards,die architektonischen Schönheiten, die sieben Jahrzehnte sowjetischen Verfall überlebt hatten, bekam ich einen angenehmeren Eindruck-dieser ehemaligen Sowjetrepulik-geboten. Im Hafengebiet waren die Fischer, viele von ihnen griechischer Abstammung, damit beschäftigt ihren Fang zu verladen.

Aber ich möchte mich jetzt nicht in Reiseerinnerungen verlieren, die Region steht ja-theoretisch- jedem Touristen offen. Nur so viel sei noch erwähnt. Georgien ist ein Land von märchenhafter Schönheit, eine uralte Kulturnation, mit beeindruckenden Landschaften, stolzer Tradition und liebenswürdigen Einwohnern.

Schließlich wandte ich mich wieder der Glotze zu. Mit Befremden schaute ich mir die Pressekonferenz des amtierenden georgischen Präsidenten an, der sich vor der Flagge der EU, den weltweiten Fernsehzuschauern, präsentierte.  Es war unschwer zu erkennen, Saakaschwili, dieser in den USA ausgebildete Jurist, der Darling der westlichen Berichterstattung und glühende Held der sog. „Rosenrevolution“ von 2003, steckte in argen Schwierigkeiten.

Am 22. November 2003 gelang es diesem jungen Mann, von damals erst 35 Jahren, Eduard Schewardnadse, der sicherlich als Präsident schwer erträglich geworden war, dem aber gerade die Deutschen aus der Zeit der Wiedervereinigung einiges zu verdanken haben, als Präsident zu stürzen.

Nun ja, inzwischen hat sich Saakaschwili, der ein enger Freund von Georg W. Bush ist, selbst als kleiner Diktator erwiesen, wenn auch in samtener Ausführung. Geht es in diesem Konflikt um ein unwirkliches Stück Land? Oder ist das Great Game, der Kampf um die Rohstoffe der Zukunft, jetzt entbrannt? 

In diesem Zusammenhang möchte ich gerne Peter Scholl-Latour, aus dem Jahr 2006, zitieren. Wie immer erweist sich der Altmeister als geradezu prophetisch, ganz im Gegensatz zu den unzähligen Dummschwätzern, die oftmals die öffentliche Debatte dominieren und dabei von einer Fehlprognose zur nächsten taumeln:Wladimir Putin, der Saakaschwili als einen persönlichen Feind betrachtet, verfügt-das sollte man nicht vergessen-über erhebliche Druckmittel gegen Tiflis.In zwei Autonomen Regionen Georgiens, in Abchasien und Süd-Ossetien, ist die Sezession bereits vollzogen und die dortige georgische Bevölkerung weitgehend vertrieben.  Ich kann auf meine Inspektion des seltsamen Gebildes Süd-Ossetien im Frühjahr 1996 zurückblicken, die ich Begleitung eines deutschen, eines georgischen und eines südossetischen Offiziers-vier Mann in einem Jeep-vornahm. Diese winzige Territorium, dessen Einwohner überwiegend der iranischen Volksgruppe der Ilanen und der rusisch-orthodoxen Kirche angehören,ragt wie eine Speerspitze in das Herzgebiet Georgiens unweit des Geburtsortes Stalins in Gori.Dieser Mini-Staat ist mit Nord-Osetien, jenseits des Kaukasus, durch einen Tunnel verbunden, den wohl kein Ausländer jemals besichtigen durfte. Süd-Ossetien eignet sich vorzüglich-falls es zu ernsten Auseinandersetzungen mit Moskau käme-als Ausgangspunkt für Sabotage-Akte gegen die Pipeline Baku-Ceyhan. Wenn man hinzufügt, daß das russische Oberkommando in Grosny die Georgier stets verdächtigt, über das Kaukasus-Tal von Pankisi und den dortigen Paß Nachschub für die tschetschenischen Aufständischen passieren zu lassen, läßt sich ermessen, wieviel Zündtoff sich in diesem Raum angehäuft hat.“    

Peter-Scholl-Latour/Russland im Zangengriff!/2006 Ullstein Buchverlage GmbH

Ich fürchte fast, Georgien hat in diesem bisherigen Kurzkrieg viel verloren.

Das Great Game hat gerade erst begonnenhttp://de.wikipedia.org/wiki/The_Great_Game

Lesebefehl: http://www.welt.de/politik/arti2309385/Georgien_verliert_den_Kampf_am_Kaukasus.html

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