Hamburg am 11. September 2008/7 Jahre später

September 11, 2008

Hamburg, am 11.September 2008

Hamburg Germany von Ihnen.

Hamburg, an der Alster. Diese Stadt war einmal mein persönliches Tor zur Welt, damals in den frühen 1990er Jahren. Inzwischen kommt sie mir klein, fein und überschaubar vor, nach London und Berlin.

Hamburg war immer gut zu mir.

Vor 7 Jahren bin ich hier weggezogen. Es gab eine Abschiedsparty, damals im August, von der einige Leute noch heute sprechen.

Hamburg Germany summer 2001 before I moved to London von Ihnen.

Rückblickend kommt es mir manchmal so vor, als hätte ich damals nicht nur meinen Abschied gefeiert, sondern als hätten wir uns in dieser Nacht auch von einer Dekade verabschiedet, ja von einem Zeitalter.

7 Jahre verweht, ein knappes Fünftel meiner bisherigen Lebenszeit.

Heute, vor genau 7 Jahren, ich lebte schon in London, war ich noch einmal kurz nach Hamburg zurückgekehrt.

11. September 2001.
Ich befinde mich in Hamburg.
Bin für einige Tage nach Deutschland zurückgekehrt.
Seit Anfang August lebe ich in London.
Zu meiner Überraschung hat mich das Auswärtige Amt in Berlin zum Einstellungstest für den
Höheren Dienst eingeladen.
Gerade als ich mich aus Deutschland verabschiedet habe , besteht die geringe Chance auf eine
Berufslaufbahn als Diplomat.
Dieser Test gilt als eines der anspruchsvollsten Auswahlverfahren der Republik.
Daran hat auch die Tatsache nichts geändert ,dass der amtierende Außenminister und höchste
Chef dieser Behörde -Joschka Fischer- nicht einmal die formalen Kriterien für den Einstellungstest erfüllen würde.
In den Buchhandlungen der Innenstadt besorge ich die empfohlene Lektüre zur Vorbereitung.
Anschließend treffe ich C.H, der auch in einigen Wochen nach London zieht.
Wir haben uns länger nicht gesehen, es gibt viel zu erzählen und zu bereden.
Wir überlegen uns in London zusammenzuziehen, um den horrenden Mietkosten zu entgehen.
C.H schlägt vor etwas Essen zu gehen.
Es ist früher Nachmittag, bedeckter Himmel, ein typischer Spätsommertag in Hamburg eben.
In New York ist einige Stunden zuvor ein strahlender “Indian Summer “Day angebrochen.
Doch das erfahren wir erst später.
Die Innenstadt ist mit Wahlplakaten zugehängt.
In einigen Tagen wird Roland Schill einen Erdrutschsieg erringen.
Die R&B Sängerin Aliyah ist kürzlich bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen.
In Estland sind dutzende Menschen durch den Konsum gepanschten Alkohols gestorben.
Bis auf die sich überstürzenden Krisenmeldungen aus Israel/Palästina, sind die Nachrichten dieser Tage von der Abwesenheit großer Krisen und Tragödien geprägt.
Es scheint als habe sich die Geschichte eine kurze Auszeit genommen, eine Ruhephase vor dem großen Sturm.
Wir lästern über die Leute auf der Straße , die steifen und stolzen Hanseaten und sind recht gut gelaunt.
Die Welt entwickelt sich nach unserem Geschmack.Glückliche Jahre liegen hinter uns.
“Wir sind die Menschen der Zukunft” sagt C.H immer.
Seine Mutter stammt aus den Philippinen.
Am Abend zuvor haben wir uns mit M.G, unserer Freundin aus der Münchner Bussi-Gesellschaft, getroffen.
Sie hält sich gerade in der Stadt auf und möchte uns auf ihren Kurztrip nach Japan mitnehmen.
M.G wird später zu uns stoßen.
Wir betreten die MC Donalds-Filiale am Gänsemarkt.
CH stellt sich in eine der Schlangen an der Kasse.
Ich begebe mich in den unteren Teil des Restaurants und suche einen Sitzplatz
Dort unten sind einige TV-Geräte an der Wand befestigt.
Für einen kurzen Augenblick fällt mein Blick auf den Bildschirm.
Normalerweise laufen dort Video-Clips oder Werbespots.
Jetzt sehe ich die Zwillingstürme des World Trade Centers.
Aus dem einen Gebäude steigt eine dichte Rauchwolke.
Ich bleibe kurz stehen.
Merwürdig, denke ich, seit wann zeigen die hier Spielfilme.
Läuft da gerade Armaggedon auf dem Bildschirm?
Der Raum ist leer, alle Plätze sind frei.
Nur die Toilettenfrau sitzt auf einen Stuhl, vor dem WC.
New York City denke ich. Meine Heimat des Herzens.
Ich denke an den Sommer 1993, als ich einige Zeit im Gershwin Hotel Fifth Avenue Ecke 27 Straße gearbeitet habe.
Das Limelight ,die legendäre Disco in der ehemaligen Kirche.
Ich denke an den September 1999, als ich mit K. in diesem alten Loft in Greenpoint/ Brooklyn
gewohnt habe.
Jeden Abend sind wir über die rostige Leiter auf das Dach gestiegen und haben den atemberaubenden Blick auf die Skyline von Manhattan genossen.
“The Germans are on the roof” hörten wir G.Scott immer sagen wenn jemand nach uns fragte.
Ich denke an meine Affenliebe zu dieser Stadt.
Plötzlich taucht das Gesicht von Ulrich Wickert auf dem Bildschirm auf.
Der Ton ist abgestellt.
Wickert guckt sehr ernst. Ernster als sonst.
Katastrophe in New York, lese ich als Schlagzeile auf dem Hintergrundbild.
Auch die Toilettenfrau schaut jetzt auf den Fernseher.
Genauso wie die Frau mit dem Tablett, die sich gerade hingesetzt hat.
Unsere Blicke treffen sich für einen Augenblick.
Ich laufe zu C.H, der immer noch in der Schlange steht.
Es sind erst einige Minuten vergangen, mir kommt es viel länger vor.
Ich rufe ihn”Komm mal schnell, das mußt Du sehen!”
Wir setzen uns gemeinsam vor den Fernseher.
Wir sitzen ziemlich lange dort.
Immer mehr Leute kommen herein.
Viele bleiben auf dem Weg zur Toilette stehen.
Der Raum füllt sich.
Wir sehen Live das zweite Flugzeug in den anderen Tower krachen.
Sehen dann nacheinander beide Türme einstürzen und die riesige Rauchwolke über der Stadt.
Das MC-Donalds-Team spendiert Kaffe und bringt Aschenbecher, obwohl Rauchverbot besteht.
Die Leute schauen ungläubig auf den Bildschirm, “Was ist passiert!” wird immer wieder
gefragt.
Zum zweiten Mal in meinem Leben erlebe ich ein epochales Ereigniss denke ich, während ich abwechselnd auf den Bildschirm und auf die Reaktionen der Leute schaue.
Das erste Mal war der 9. November 1989.
Die ersten 18 Jahre davor und die die knapp 12 Jahre danach waren nur ein Zwischenspiel, ein Treppenwitz und eine Laune der Geschichte.
“Die Party ist vorbei” sagt C.H., “jetzt ist Schluss mit Lustig”.
M.G kommt herein.Sie versucht Ihre Bekannten in New York zu erreichen.
Mein Handy klingelt.
A.M ruft aus dem Studio Hamburg an.
Sie befindet sich gerade bei den Dreharbeiten für das Alpha-Team .
“Muss ich mir jetzt Sorgen machen?” fragt Sie mich.
” Ich mit meinem arabischen Namen?”
“Ja” antworte ich Ihr und verspreche mich später zu melden.
Wir verlassen das Restaurant und begleiten M.G zurück ins Hotel.
Auf den Straßen stehen Menschen und schauen auf die laufenden Fernsehgeräte in den Schaufenstern.
Überall die gleichen Bilder.Eine globale Katastrophe.
M.G reist morgen wieder ab.Wir wollen in der Hotelbar noch einen Drink nehmen.
Unsere Gespräche und Gedanken kreisen um das heutige Ereigniss.
Wir spüren das sich etwas verändert hat.
Unsere Coktails haben einen bitteren Nachgeschmack.
Etwa Neues kommt auf uns zu. Etwas Unbekanntes.
Wir spüren das es uns nicht gefällt und unsere Welt bedroht.
Eine Band beginnt zu spielen.
“Yesterday all my troubles seems so far away”
Hat sich jemand diesen Song gewünscht oder ist es Zufall?
Es ist der 11. September 2001
.

GLADYS KNIGHT & THE PIPS – The way we were/ try to remember

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One Response to “Hamburg am 11. September 2008/7 Jahre später”


  1. […] Ramon Schack: Hamburg am 11. September 2008/7 Jahre später […]

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