„Freiheit die ich meine!“/Anmerkungen zu den Ereignissen in Köln

September 21, 2008

Seit gestern verspüre ich ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Eine Art Grummeln. Dieses Gefühl begleitete mich die ganze vergangene Nacht, bis ich in einen tiefen, traumlosen Schlaf versank.

Dieses Gefühl, dieses Grummeln, stellte sich heute Morgen wieder ein, nach dem Aufwachen, bei der Morgentoilette, dem Blick in den Badezimmerspiegel. Wenn ich morgens aufwache, sehe ich übrigens auch nicht aus wie Ramon Schack, wie ich immer wieder erstaunt feststellen muß. 

Ja, auch während des obligatorischen Sonntagsbrunches, diesesmal leider in einem anderen Café als gewöhnlich, man sollte nicht immer alle Ratschläge guter Freunde annehmen, mir wurde dort gesalzener Kaffe, gezuckertes Rührei, zu gepfefferten Preisen, von einer grießgrämigen Pommeranze-fürs Lächeln wird sie anscheind nicht bezahlt- serviert, war das Magengrummeln stets präsent. 

Die gestrigen Ereignisse in Köln, der sogenannte Anti-Islamisierungskongress, bzw. dessen Verbot, die dazu gehörige mediale Berichterstattung, machen mich etwas nachdenklich. Wie ist es um die Meinungsfreiheit in unserem Land bestellt, fragte ich mich heute den ganzen Tag, auch noch als ich in der Ringbahn saß, umrundet von völkischen, stark alkoholisierten, UNION-Fußballfans, einer trug einen Sticker mit der Aufschrift“Ich danke dem Herren, dass ich ein Ostler bin„, aus den Arbeiterschließfächern von Lichtenberg, Marzahn, Hellersdorf, die mich kritisch musterten, zum Abschied „Heil Hitler!“ brüllten und beim Aussteigen in die Arme der Bereitschafspolizei torkelten.

Nein, ich halte das Verbot, dieser schaurig-schönen Zusammenkunft, für keine gute Idee.

Eine „Offene Gesellschaft“ hat gefälligst Erscheinungen dieser Art auszuhalten . Nach Verboten schreien ist ein Ausdruck von Schwäche.

Freiheit-die ich meine-sieht anders aus.

Inhaltlich kann man diesen Gruppierungen, die in jüngster Zeit wie Eiterpickel, auf den Rücken des zerprengten, rechtsreaktionären, politischen Spektrums, sprießen, einiges entgegenhalten. 

Die „Islamophobe“ Szene Deutschlands, in ihre bisherigen Erscheinungsform, ist gescheitert. Moralisch, vor allem gemessen an den eigenen, stets propagierten, moralischen Vorgaben.

Diese Szene, inzwischen ein Tummelplatz sozialreaktionärer Elemente, verfassungsfeindlicher Aktivitäten, der Lautsprecher des Lumpenproletariats, bringt jede, durchaus legitime, Islamkritik in Verruf.

Man denke nur an die Website Pi-News.net, die ja inzwischen ganz offen für die sogenannten PRO-Parteien die Propaganda-Trommel rührt. 

Eine Website auf der Kritiker regelmäßig dem Spott, den Hass, den Schmähungen der Leser ausgesetzt sind.Eine Website, deren Gründer und Autoren, Verleumdungen, Mordrohungen und Aufrufe zum Rassenhass billigend in Kauf nehmen, bisweilen aber auch belustigt kommentieren. Gründer und Autoren die dann aber wie ein Sensibelchen aufheulen, wenn sie selbst scharfer, berechtigter Kritik ausgesetzt sind.

Islamkritik ist wichtig und richtig.Islamkritik ist legitim, wie auch Kritik an allen Religionen, Institutionen, Privatpersonen.  

Aber, bevor man irgendetwas öffentlich kritisiert, sollte man den Gegenstand seiner Kritik wenigstens in Ansätzen kennen.  Als Projektionsfläche für Ängste, bezüglich politische Umbrüche, gesellschaftlicher Verwerfungen und sozialer  Spannungen, wie es einst der Antisemitismus in Europa war, die Folgen kennen wir alle, ist Islamkritik nicht geeignet.

Im Gegenteil, so macht man sich zum nützlichen Idioten des Dschihadismus.

Aber, es wäre ein verhängnisvoller Fehler, diese Kritik, diese Angst vor dem Islam, nur diesem unästhetischen Milieu zu überlassen.

Der Islam trägt natürlich auch, wie jede Religion, den Keim der Intoleranz, des Dogmas, des Totalitären, in sich. Eine Tatsache die natürlich überhaupt nicht auf jeden gläubigen Muslim zutrifft. Es gibt aber einflußreiche Kreise, die religiöse Gefühle für ihre trüben Zwecke instrumentalisieren. Je häufiger Menschen, diese Entwicklung ist in vollem Gange, findet schon statt, öffentlich auf Vorbehalte und Hass stoßen, aufgrund ihrer Herkunft, ihre Namens, ihres Aussehens, um so leichter werden diese religiösen Rattenfänger Beute machen.Wenn Menschen ständig auf ihre Herkunft reduziert werden, sich ständig rechtfertigen müssen, werden sie irgendwann ihre ethnoreligiösen Wurzeln suchen und idealisieren. Auch dieser Prozess ist in Europa im vollen Gange. 

Gerade die Vertreter des linken politischen Spektrums, die sich ja ständig an Kritik gegenüber den Kirchen ergötzen, sollten diesbezüglich genau hinschauen. Auf die Äußerungen einer Alice Schwarzer, um nur eine Persönlichkeit exemplarisch zu nennen, kann man dabei getrost verzichten. 

An der Trennung von Staat und Kirche, der großen Errungenschaft des Westens, darf auf keinen Fall gerüttelt werden.

Das Grundrecht auf Religionsfreiheit ist diesbezüglich vollkommen ausreichend, um die die individuelle Religionsfreiheit zu gewährleisten.

Befreien wir also die Islamkritik aus den schmutzigen Griffeln der Islamophoben, schränken dabei aber nicht unsere Meinungsfreiheit ein. 

Islamophobie ist eine große gefahr für den Westen„, sagte mir der israelische Philosoph Avishai Margalit, vor einigen Jahren in einem Interview, unmittelbar nach den Anschlägen von London. Das Interview kann man hier nachlesen:https://ramonschack.files.wordpress.com/2008/09/margalit1.pdf

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4 Responses to “„Freiheit die ich meine!“/Anmerkungen zu den Ereignissen in Köln”


  1. […] “Freiheit die ich meine!”/Anmerkungen zu den Ereignissen in Köln […]

  2. Brodaganda Says:

    Nun, ich habe mich letztens mit einem Bekannten unterhalten. Während ich ihm sagte, daß ich mich rundum sicher fühle in diesem Land, war er der Meinung, daß der Mensch sich nicht wirklich geändert habe und er den Lack der Zivilisation für recht dünn halte. Ein neuer Populist könnte in Europa durchaus wieder Menschenleben kosten, recht schnell, mit den richtigen Themen. Von daher kann man die Ereignisse in Köln durchaus als ein entschlossenes „wehret den Anfängen“ interpretieren – wobei natürlich fraglich ist, ob die Gewalt nicht letzten Endes das Gegenteil bewirkt. Nicht zu vergessen richtet sich aber die Gewalt der Antifa eben nicht gegen Menschen mit der falschen Hautfarbe oder Religion, sondern gegen geistige Brandstifter. Eine Gleichsetzung mit den Nazis verbietet sich hier.

  3. NUB Says:

    als kleiner Kritikpunkt ist da noch @Brodaganda einzufügen, dass sich auch Gewalt gegen Polizisten und meines Wissens gegen einige Anwohner richtete. Formal ist zu bemängeln, dass die pauschale Kennzeichnung Andersdenkender als „geistige Brantstiftung“ gerade jene Willkür gegen Menschen rechtfertigen kann, die man gegen andere Menschen unterbinden möchte. Inhaltlich sehe ich auch, dass da viele Rassisten mitmischen.

    Für Europa ist die Bedrohungslage durch eine islamfeindliche Minderheit, die Brodaganda behauptet, total überzeichnet, ebenso wie die Annahme, morgen werde die Scharia eingeführt. Die Mehrheit teilt nicht die Ansichten von Pro/PI und eine solche Entwicklung wäre überhaupt erst unter der Voraussetzung bürgerkriegsähnlicher Zustände und eines kompletten Zerbrechens des multikulturellen Zusammenlebens denkbar. Das Rassisten punktuell eine aufhetzende und für das Zusammenleben schädliche Wirkung entfalten können, will ich aber überhaupt nicht bestreiten. Auf lange Sicht kann dies tatsächlich wie Brandstiftung wirken.

    Eigentlich müsste, wie Ramon auch schon des öfteren schrieb, eine Debatte um den Islam, Integration und Zusammenleben von anderen Leuten geführt werden anstatt von Populisten und Aufwieglern. Dass darüber gesprochen werden muss, ist aber eindeutig.

  4. A. Eichholtz Says:

    @NUB

    Wieso denken sie, es bedarf eines Bürgerkriegs, um die Sharia in diesem Lande einzuführen? Sehen sie in der Geschichte ehemals christlicher Länder nach, wie das so geht mit der Dominanz des „rechten Glaubens“? Wieso sollte es hier in Deutschland anders sein, wenn man Zeiträume von 50 Jahren zu Grunde legt? Ich bewundere immer die Kritikert der Kritiker, die ganu wissen, dass es nur einiger Artikel des GG bedarf, um den Ist-Zustand der Religionsfreiheit zu bewahren, dabei ist das GG nur dann elementar, wenn man mittels Kritischer Theorie in der Lage ist, sich selbst und andere Systeme zu hinterfragen und wegen der dann gezogenen Schlußfolgerungen Recht als solches zu akzeptieren.

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