Inguschetien im Strudel der Gewalt/Mahagonny im Kaukasus

Oktober 21, 2008

Nach dem Ende der Kampfhandlungen, im russisch-georgischen Krieg um Ossetien, ist im Kaukasus nur scheinbar Ruhe eingekehrt.

In Inguschetien, ein absurder administrativer Gebietsstreifen zwischen Nordossetien und Tschetschenien, der Fluch der Geographie, droht das kaukasische Pulverfass erneut zu explodieren. Die Lunte brennt.

 Die NZZ berichtet heute aus Inguschetien:

Lesebefehl:http://www.nzz.ch/nachrichten/international/inguschetien_im_strudel_der_gewalt_1.1143545.html

Im Herbst 1996 besuchte ich die russische Republik Inguschetien für einige Tage. Wir kamen damals aus Georgien und befanden uns auf der Weiterreise nach Machalatka, der unglaublich hässlichen Hauptstadt von Dagestan, am Kaspischen Meer. Aber das ist eine andere Geschichte.

Bis 1992 bildete Inguschetien eine politische Einheit mit dem benachbarten Tschetschenien.

Bei unserer Ankunft, in der damaligen inguschischen Hauptstadt Nasran, inzwischen wurde eine neue Kapitale aus dem Boden gestampft, wurden wir gewarnt, unser abgetakeltes Hotel-  nach Einbruch der Dunkelheit- zu verlassen.

Wir ignorierten diesen Ratschlag des öligen Portier, welcher mit Sicherheit schon dem russischen Inlandsgeheimdienst brav über die Ankunft von Ausländern, in diesem vergessenen, unruhigen Winkel des postsowjetischen Imperiums, Bericht erstattet hatte.

In den Straßen Nasrans wimmelte es von Flüchtlingen aus dem benachbarten Tschetschenien, die den Bomben der russischen Luftwaffe entkommen waren.Viele dieser Menschen waren gezeichnet von dem erlebten und überlebtem Grauen.

Russische Militärs streiften schwerbewaffnet durch die Straßen, begleitet von den feindseligen Blicken der inguschischen Bevölkerung, die offen mit den benachbarten, ethnisch eng verwandten, Tschetschenen symphatisierten.

In Moskau befürchtete die Regierung um Boris Jelzin, nicht zu Unrecht, ein Überspringen des Krieges auf Inguschetien.

In Ermangelung von Alternativen, aber auch um der nicht gerade einladenden, beunruhigenden Atmosphäre- dieser nordkaukasischen Metropole- zu entgehen, suchten wir ein Restaurant auf, welches gleichzeitig als Nachtclub und Diskothek zu dienen schien.

Bei unserer Ankunft bemerkten wir schnell, die russische Mafia hatte auch in diesem Provinzstädtchen jegliche wünschenswerte Privatinitative unter ihrer Kontrolle. Zahlreiche stiernackige Muskelprotze, mit denen man eher keinen Streit anfangen sollte, lungerten in Begleitung von platinblonden Sexbomben an der Bar herum. Diese Gäste konsumierten Wodka in rauhen Mengen und fixierten uns mit einem eiskalten Gesichtsausdruck. Aus dem Lautsprechern dröhnten abwechselnd russischer Heavy Metall in Verbindung mit schnulzigen kaukasischen Popsongs. 

Auf einem Fernsehgerät liefen Hardcore Pornos, welche dem verwirrten Gast, während der Auswahl von Speisen und Getränken, kein anatomisches Detail ersparten.   

Die westlichen Segnungen von Freihandel und Marktwirtschaft, entfalteten sich an diesem Ort, in Verbindung mit der Erblast des Sowjet-Totalitarismus, zu einem abstoßenden Schauspiel menschlicher Gier und krimineller Energie.

Mahagonny im Kaukasus“ nannte ich damals einen Artikel für eine Studenten-Zeitung, in der ich meine Reiseeindrücke über Nasran veröffentlichte.

Ja, so ähnlich mußte sich Berthold Brecht einst die Stadt Mahagonny vorgestellt haben, kam es mir an diesem Abend- in der inguschetischen Hauptstadt- in den Sinn.

Erstens, vergeßt nicht, kommt das Fressen Zweitens kommt der Liebesakt Drittens das Boxen nicht vergessen Viertens Saufen, laut Kontrakt. Vor allem aber achtet scharf Daß man hier alles dürfen darf.“ (wenn man Geld hat)“

Aus der Oper“ Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ von Berthold Brecht

http://de.wikipedia.org/wiki/Aufstieg_und_Fall_der_Stadt_Mahagonny

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