Israels Unbehagen mit Obama/Schmerzhafte Erinnerungen an Netanjahu

Januar 23, 2009

                                          @ Ramon Schack      

                                                         

US-Präsident Obama räumt auf, mit eisernen Besen werden die gescheiterten politischen Entwürfe der Bush/Cheney-Administration beseitigt.

Zwei Tage nach seinem Amtsantritt hat der amerikanische Präsident Obama erste außenpolitische Weichen gestellt. Er ernannte am Donnerstag George Mitchell zum Nahost-Sonderbeauftragen und kündigte eine offensive Friedensdiplomatie in der Krisenregion an. „Es wird die Politik meiner Regierung sein, sich aktiv und offensiv für einen dauerhaften Frieden zwischen Israel und den Palästinensern sowie zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn einzusetzen“, sagte Obama bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Außenministerin Hillary Clinton. Obama will Mitchell „so bald wie möglich“ in die Krisenregion schicken.

George  Mitchell gilt als „Harter Hund“ und ist in Israel alles andere als beliebt. Das gilt sowohl für die noch amtierende Regierung, als  für die Opposition unter Netanjahu.

Überhaupt breitet sich innerhalb der politischen Elite Israels ein gewisses Unbehagen aus. Man ahnt wohl, dass der neue US-Präsident seine Bündnispartner demnächst  einmal gründlich die Leviten lesen wird.

http://www.faz.net/s/Rub0A1169E18C724B0980CCD7215BCFAE4F/Doc~E29ABD871F44446CC8EEB0F9097275931~ATpl~Ecommon~Scontent.html

In diesem Zusammenhang wird natürlich deutlich, welches Zeitfenster  für die sogenannte Operation „Gegossenes Blei“ genutzt wurde. Es war doch allzu deutlich, wie schnell Ehud Olmert die militärische Offensive für beendet erklärte, unmittelbar vor der Amtseinführung von Barack Obama.  Für diese Erkenntnis muß man nun wirkich kein Zyniker sein.

Das Triumvirat bestehend aus Olmert, dem Verteidigungsminister Barak und  Tzipi Livni, hatte natürlich auch die bevorstehenden Wahlen zur Knesset im Blickfeld, in der Hoffnung -dem starken Kontrahänten Benjamin-Bibi-Netanjahu-ein paar Stimmen abzugraben. Bei Olmert, der in diverse Korruptionsskandale verwickelt ist, kam hinzu sein angeschlagenes Image, basierend auf dem gescheiterten Libanon-Feldzug 2006, aufzupolieren. 

Ob dieses gelingt bleibt fraglich.

http://www.faz.net/s/RubB30ABD11B91F41C0BF2722C308D40318/Doc~EDEE02FAD801F4F80A984E9A566C8313F~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Mit Benjamin Netanjahu, der bei seiner Abwahl 1999 in Israel ähnlich beliebt war, wie George Bush heute in den USA, verbinden mich persönlich schmerzhafte Erinnerungen.

Den damaligen Wahlkampf, aus dem der jetzige Verteidigungsminister Barak als Sieger hervorging, erlebte ich in Israel aus nächster Nähe.  An der Universität von Tel Aviv schrieb ich meine Diplomarbeit über die russische und äthiopische Einwanderung nach Israel, in den 1990er Jahren. Eine mehrmonatige Reise durch den Nahen Osten, die mich nach Libanon,Syrien, Jordanien, Westbank, Gaza, Saudi-Arabien und anschließend nach Ägypten führte, war diesem akademischen Aufenthalt vorangegangen.  

Jeden Morgen verließ ich das Haus meiner charmanten Gastgeberin Avivit Lehrmann, der Tochter des Kneipen-Königs von Hamburg, und fuhr mit dem Bus nach Tel Aviv. Von der Central Bus Station ging ich meistens zu Fuß zur Universität , von einigen gelegentlichen Abstechern nach Banana Beach einmal abgesehen.

When I was younger so much younger then today. Tel Aviv Israel Spring 1999 von Ihnen.

Foto:Banana Beach Tel Aviv

 

When I was younger so much younger then today. Tel Aviv Israel Spring 1999 von Ihnen.

Foto:Tel Aviv

 Die Begegnung mit Tel Aviv, dieser unerhörten, hedonistischen und lebenshungrigen Metropole, war damals, in diesem friedlichen, letzten Jahr des vergangenen Jahrhunderts, ein betörendes, nahezu erotisches Erlebnis.

When I was younger so much younger then today. Tel Aviv Israel .Spring 1999 von Ihnen.

Foto:Ramon Schack in Tel Aviv 1999-auf dem Weg zur Uni?

 

Eines Tages geriet ich in eine Wahlkampfveranstaltung von Benjamin Netanjahu am Carmel Market.

Diese Gegend, überwiegend von Sefaradim bewohnt, oder Misrachim  wie man heute sagt, also orientalischen Juden die einst aus islamischen Ländern eingewandert sind, galt damals wie heute als Hochburg der nationalkonservativen Likud-Partei von Netanjahu. Der Likud  galt einst als Partei der „polnischen Krawattenträger“, als politisches Gegenwicht zur streng sozialistischen Kibbuz-Ausrichtung der Arbeiterpartei. In den ersten Jahren nach der Staatsgründung war der Likud in Israel zu einer ewigen Opposition verdammt Erst 1977, unter Menachim Begin, basierend auf der veränderten Demographie in Israel, gelang der Likud zur Macht. Ausgerechnet die Sefaradim, die äußerlich kaum von Arabern zu unterscheiden sind und damals die Bevölkerungsmehrheit erlangten, basierend auf höheren Geburtenraten, wählten Likud aus Protest gegen die Dominanz der politischen linken Elite, die überwiegend Ashkenazim, als europäischen Ursprungs war und ist.  

Diese Tendenz ist bis heute erkennbar, obwohl es seitdem erneute gravierende Veränderungen gab. Die Masseneinwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion beispielsweise, jeder fünfte Israeli gehört in diese Gruppe, als auch die stärkere ethnische Durchmischung, wofür die Armee als Schmelztiegel des jüdischen Staates einige Verantwortung trägt.

When I was younger so much younger then today Tel Aviv Israel Spring 1999 von Ihnen.

Foto:Tel Aviv

Aber zurück zu der erwähnten Wahlkampfveranstaltung mit Netanjahu. Am Carmel Market herrschte große Aufregung.Zahlreiche Anhänger Bibis hatten sich eingefunden, ebenso zahlreiche Gegendemonstranten. Ein Sicherheitsbeamter sprach mich an, fragte woher ich komme, was ich hier wolle und kontrollierte meine Tasche. Wie es der Zufall so will, entdeckte der Beamte meine Nagelschere, die ich einige Tage zuvor verzweifelt gesucht hatte. Triumphierend, wie ein potentielles Mordwerkzeug, hielt er die Nagelschere in die Höhe, ich habe die Szene noch genau vor Augen.

Das Mißverständnis wurde schnell aus dem Weg geräumt und ich begab mich in die Menge der Schaulustigen. Umrundet von schreienden Anhängern und Gegnern des damaligen Premiermisters, wartete ich auf Netanjahu, der einen Rundgang   über den Markt angekündigt hatte.

Nach einiger Zeit tauchte er schließlich auf, das Blitzlichtgewitter setzte ein, die Buh-und Jubelrufe wurden lauter.

Noch bevor ich Netanjahu zu Gesicht bekam, verspürte ich einen stechenden Schmerz im linken Fuß. Irgendein gewichtiges Individuum hatte sich auf meinen Fuß gestellt und fühlte sich dort wohl, ja die Person schien sich auf meinen Fuß zu drehen bis es quietschte.

Schließlich erkannte ich, wer meinen Fuß als Plattform mißbrauchte, es war Netanjahu selbst. Milde lächelte der Ministerpräsident von meinem Fuß aus in die Kameras. Für einen kurzen Moment spielte ich mich dem Gedanken Bibi wegzustoßen, um meinen Schmerzen ein Ende zu bereiten. Ich entschied mich dann allerdings doch dafür, den Märtyrer zu spielen.

Nach einigen Minuten zog Netanjahu, dieses politische Schwergewicht, weiter. Verärgert humpelte ich durch Tel Aviv.

Als ich am Abend bei meiner Gastgeberin Avivit  eintraf, empfing diese mich lachend mit folgenden Worten“  Ich habe Dich heute im Fernsehen gesehen, direkt hinter Netanjahu, es lief in den Nachrichten.  Hast Du es eigentlich schon einmal als Comedian versucht? Du hast ein Gesicht gezogen, wirklich drollig, als würde Dir die Anwesenheit Netanjahus persönlich Schmerzen bereiten“

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6 Responses to “Israels Unbehagen mit Obama/Schmerzhafte Erinnerungen an Netanjahu”

  1. Brodaganda Says:

    Wow, deshalb mag ich dieses Blog so: persönliche Erinnerungen verschmelzen mit historischen Hintergrundinformationen und treffenden, aktuellen Analysen zu einem äußerst interessanten Artikel. Volle Punktzahl! 🙂

  2. Viola Says:

    Dem Kompliment kann ich mich nur anschließen.

    Dieser Blog hat das gewisse Etwas!

  3. ramonschack Says:

    Viola/Brodaganda

    Besten Dank für Eure sehr netten Kommentare.


  4. […] Lesen Sie dazu auch:      https://ramonschack.wordpress.com/2009/01/23/israels-unbehagen-mit-obamaschmerzhafte-erinnerungen-an-… […]


  5. […] verbinden micht mit diesem Mann schmerzhafte Erinnerungen: Lesen Sie dazu auch: https://ramonschack.wordpress.com/2009/01/23/israels-unbehagen-mit-obamaschmerzhafte-erinnerungen-an-… Posted in Uncategorized | No Comments […]

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