Gaza-Konflikt:“Ich gebe hier mein Zeugnis ab“

Januar 24, 2009

                                        @ Ramon Schack

Als ich im Frühjahr 1999  durch die Straßen von Gaza bummelte, fühlte ich mich, trotz meines damaligen Alters von 27 Jahren, wie ein Greis. Das Durchschnittsalter der Passanten auf den Straßen schien bei 14  zu liegen. Damals wie heute lebt in diesem absurden, überbevölkertem Gebietsstreifen eines der jüngsten, und am schnellsten anwachsenden  Bevölkerungen der Welt.  

Schon damals hegte ich,  angesichts dieser demographischen Realitäten, die abgeschwächt auch auf die Bevölkerung der Westbank und der arabischen Bevölkerung Israels zutreffen, die größte Skepzis, gegenüber den naiven Theorien von einer angeblich friedlichen Nachbarschaft zwischen zwei Staaten Israel und Palästina. 

Nach vorsichtigen Prognosen wird sich die Bevölkerung in Gaza alle 25 Jahre verdoppeln, werden immer größere Kontigente von jungen Männern ohne berufliche Perspektive, versehen mit einem kollektiven Samenkoller, zu einem unwürdigen Dasein -auf niedrigstem sozialen Niveau- verdammt sein, als fruchtbarer Boden für weitere revolutionäre Unruhen.

Die Einwohner Gazas empfingen den ausländischen Besucher mit äußerster Gastfreundschaft. Trotz der trübseligen sozialen Lebensumstände, am Rande des Existenzminimums, war den Einwohnern Gazas eine Spur von levantinischer Lebensfreude und Aufgeschlossenheit nicht ausgetrieben wurden.

Überhaupt habe ich auf meiner damaligen ausgedehnten Reise durch den Nahen Osten, Israel und die  arabische Halbinsel folgende Erfahrung gemacht. Ich bin überall Menschen begegnet.Menschen mit ihren Stärken und Schwächen, Wünschen, Sehnsüchten , Ängsten und legitimen Interessen, auf allen Seiten. Eine vielleicht schlichte Erkenntnis, die heutzutage  allerdings viel zu kurz kommt .

Meine Gesprächspartner in Gaza hegten gegenüber den Israelis keinen Hass. Im Gegenteil. Damals hatten die meisten Menschen noch Kontakt zu Israelis, als Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor des „Jüdischen Staates“ . Inzwischen ist in Gaza ja eine Generation herangewachsen, die Israelis ja nur noch als schwerbewaffnete Soldaten kennengelernt hat, deren überlegenes Waffenarsenal Tod und Verderben in die Straßen trägt. 

Inzwischen ist der Gaza-Streifen ja ökonomisch völlig stranguliert. Die erwähnten Jobs in Israel werden heute von importierten Gastarbeitern aus Rumänien und der Türkei, den Phillipinen und Thailand erledigt. Eine Tendenz die damals schon im Gange war.    

Schon damals hatten die Eiferer der Hamas regen Zulauf. Nicht aufgrund der in der Charta dieser Bewegung erklärten Richtlinie, den Staat Israel zerstören zu wollen, sondern aufgrund der allgegenwärtigen sozialen Hilfestellungen,  die diese sunnitischen Fundamentalisten der darbenden Bevölkerung gewährten.   

Für Arafat und seine Tunis-Clique, die 6 Jahre zuvor nach Gaza zurückgekehrt war, hatten die meisten Einwohner  nur noch Verachtung übrig. Das Ausmaß an Korruption spiegelte sich in den ordinären Prachtbauten wieder, die sich die PLO-Kamarilla an den Stränden errichtet hatte, nachdem die Hütten der armen Fischer abgerissen wurden waren. 

Meine Freunde in Tel Aviv hatten mich für verrückt erklärt, gleichzeitig auch Bewunderung aufgrund meines angeblichen Mutes ausgedrückt, als ich ihnen von meinen Reiseplänen nach Gaza ezählte.

Ich hatte mich dem palästinensischen Gärtner meiner israelischen Gasteberin angefreundet, der ihr feudale Anwesen in Moshaw Mishmar Haschiwa betreute. Der junge Mann kam aus Gaza und ich nahm seine Einladung nur zu gerne an. 

Als ein Checkpoint Charlie im Heiligen Land empfand ich die Passierstelle zwischen Gaza und Israel, die damals wie heute den Namen Erez trägt. Noch mehr erinnerte mich diese Demarkationslinie allerdings an die früheren Grenzübergänge von West-Berlin in die DDR, die ich noch aus meiner Kindheit und Jugend im Zeitalter des Kalten Krieges kennengelernt hatte. Unter den flatternden Fahnen des David-Sternes, erstreckte sich ein ausgeklügeltes System von Betonklötzen und Kontrollposten. Aus Sicherheitsgründen war an eine weitere Benutzung meines israelischen Mietwagens nicht zu denken. Ich bewegte mich als einziger Grenzgänger auf diesem offenen Terrain.Ein mulmiges gefühl kam dabei auf, ich empfand mich als potentielle Zielscheibe irgendeines anonymen Mauerschützen und trotz der hellen Mittagssonne-in eine Romanszene John Le Carrés versetzt. Wer Erez so passierte, fühlte sich ein wenig wie der Spion , der aus der Kälte kam.

Bei den uniformierten israelischen Beamten, viele von ihnen Neueinwanderer aus Russland und Äthiopien, ging es zwanglos und burschikos zu.

Mein arabischer Gastgeber erwartete mich in einer weiteren Baracke. Mit den jüdischen Kontrolleuren ging er jovial und selbstbewußt um, die Soldaten erwiederten sogar seine Freundlichkeiten. Immer wieder ist es erstaunlich, wie nett potentielle Feinde, besonders in dieser Region, im persönlichen Umgang miteinander umgehen.    

In unserem Zeitalter der Desinformation, der allgegenwärtigen Medienmanipulation, ist es nicht einfach einen Artikel über den aktuellen, noch nicht beendeten, jüngsten Gaza-Konflikt zu empfehlen.

Es rächt sich jetzt, dass sowohl im Print,als auch im TV-Journalismus, an einer qualifizierten Auslandsberichterstattung gespart wird.

Die INTERNATIONAL HERALD TRIBUNE, als auch EL PAIS  aus Spanien, sind zwei lobenswerte Ausnahmen, in dem weltweiten medialen Einheitsbrei. 

Die vielgepriesene Globalisierung hat sich, zumindest in der journalistischen Auslands-und Kriegsberichterstattung, als eine betrübliche Provinzialisierung entpuppt.

Die meisten poltischen Blogs, ob nun in der deutschsprachigen Bloggosphäre, oder international, sind auch keine wirkliche Alternative.

Im besten Fall eignet sich diese Darstellungsform, von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, als Tummelplatz für Eindeutigkeitsfanatiker und als dritttklassiges Propaganda-Instrumentarium.

Um so mehr freut es mich, heute den folgenden Artikel von  Bernard-Henri Lévy empfehlen zu können.

„Ich gebe hier mein Zeugnis ab“ Lesebefehl:http://www.faz.net/s/RubCF3AEB154CE64960822FA5429A182360/Doc~E8FF46DD8B04C4F3BB63CAB1A3D0AF643~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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5 Responses to “Gaza-Konflikt:“Ich gebe hier mein Zeugnis ab“”

  1. Heinz-Willi Says:

    Gaza ist erheblich wohlhabender als andere arabische Staaten und liegt beim Weltentwicklungsbericht im Mittelfeld.
    Das sind natürlich alles Transfergelder der EU und der USA.
    Hier ist der Wohlstand gut zu sehen
    http://www.daylife.com/topic/Lauren_Booth/photos/all/2


  2. Bravo! Einer der besten Artikel zum Thema. Sowohl von Levi, als auch von Dir Ramon.

    Weiter so!

  3. chief joseph Says:

    Hervorragender Artikel!

    Man spürt zwar die Spirale der Gewalt und trotzdem noch die Menschlichkeit, die trotz aller Gewalt immer noch vorhanden ist, was allein für sich schon ein Wunder ist. Darüber müsste viel mehr berichtet werden!


  4. […] weiterlesen bei Ramon Schack […]

  5. ramonschack Says:

    Heinz-Wille/Ricky/Chief Joseph

    Danke für die Kommentare bzw. Ergänzungen.

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