Ramon empfiehlt:“Nachrichten aus Berlin 1933-36″ von Antoni Graf Sobanski

März 7, 2009

           @Ramon Schack

Das Nichtwissen vom Ende macht die Lektüre zeitgenössischer Reisereportagen so spannend.

Subjektive Eindrücke ausländischer Beobachter, gerade in Krisenzeiten und während historischer Umbrüche, vermitteln  ein tiefergehendes Bild, als es historische Abhandlungen, oder aber die Überfrachtung mit Fakten  und statistischem Material, in der Regel vermögen. 

Die „Nachrichten aus Berlin 1933-36″, die Antoni Graf Sobanski basierend auf drei Reisen nach Deutschland- zu Beginn der Nationalsozialistischen Herrschaft- veröffentlichte, sind ein Werk von besonderer Qualität.

Sobanski,Weltbürger, Adliger und Liberaler vom alten Schlage, war kein Feind der Deutschen, im Gegenteil.

Mit einem mulmigen Gefühl, doch ohne größere Vorbehalte, trat er seine Reisen in das westliche Nachbarland an, damals noch nicht ahnend, dass seine polnische Heimat- nur wenige Jahre später- von den Nazis überfallen, zerstört und besetzt werden sollte,  dass seine Klasse, die polnische Intelligenz, bzw. der Adel, ebenso der blutigen Mordmaschinerie des Dritten Reiches zum Opfer fallen sollten, wie die Juden.   

An der Grenze bemerkte ich schon dieselbe Freundlichkeit; an allen Bahnstationen dieselben fröhlichen Gesichter wie immer. Wie früher taucht unter ihnen sporadisch das ernste Gesicht eines Preußen auf, das durch seinen mangelnden Sinn für Humor aber eher  Lachen als Entsetzen hervorruft. Dieselben unattraktiven, aber sportlichen Mädchen mit ihrem wunderbaren Teint, um ihre Taillen die Arme junger, ungewohnt sportlich gekleideter Männer, die immer etwas jünger aussehen als ihre Frauen. Wo sind denn hier Anzeichen von Hitlerismus?Aber ja doch, ein wenig erkennt man sie. Eine Anstecknadel mit einem Hackenkreuz an der Krawatte des Passkontroleurs in Frankfurt/Oder, an den Zäunen der Berliner Vororte ein „Heil Hitler!“, in ordentlicher schöner Schrift, obwohl in Kreide geschrieben, und hin und wieder ein Hackenkreuz. Aber alles schon verwischt, nur noch blasse Spuren erkennbar, als würde man der Sache im Alltag bereits überdrüssig.“  

Die Begegnung mit Berlin, welches der Graf noch gut aus der Zeit der Weimaer Republik, der „Goldenen Zwanziger“ ,kennt, führt zu einer ersten Ernüchterung. Das weltberühmte Nachtleben ist erloschen, das überhitzte intellektuelle Klima gehört der Vergangenheit an, das kulturelle Leben der deutschen Hauptstadt ist- innerhalb weniger Wochen und Monate- auf ein provinzielles Mittelmaß geschrumpft.

FOTO:BERLIN 1933-James Abbe

.“Es gibt noch weitere belanglose, aber sehr bezeichnende Ursachen für den gegenwärtigen Stillstand des Nachtlebens. Der Jazz ist bei den Nationalsozialisten nicht gut angesehen. Einmal war ich Zeuge, als ein Parteimitglied verlangte, mit dem Foxtrott aufzuhören und stattdessen einen Marsch zu spielen. Wenn jemand mit dem Parteiabzeichen am Revers oder an der Krawatte ein Lokal betritt, wird es still und irgendwie ungemütlich, beinahe kalt.“ 

Wohl eher unbeabsichtigt, entwickeln sich Sobanskis Auzeichnungen zu einer Art Homage, an das untergegangene Deutschland vor Hitlers Machtergreifung. Ohne Vorbehalte, wohl aber mit wachsendem Unmut, steigen Sobanskis Erkenntnise , über den wahren Charakter des Hitler-Staates. “ Ich weiß leider nur zu gut was ich tue:Ich bin ein Werkzeug der Greuelpropaganda. Das ist das unverzeihlichste Verbrechen im Dritten Reich. Mit jeder Reportage und besonders mit der vorliegenden, werden meine Aussichten auf ein deutsches Visum immer schlechter. Das schmerzt. Es schmerzt, weil ich gerne nach Deutschland reise; weil ich dort Menschen kenne, die mir sehr nahe stehen; weil  Deutschland Polen am nächsten liegt und ein Land ist, in dem es Freundschaft und unkomplizierte menschliche Beziehungen nichtfamiliärer Art gibt und weil es , seien wir ehrlich, nur zehn Stunden Zugfahrt von Warschau entfernt liegt.Was aber die Lebensbedingen anbetrifft, ist es richtiges Europa, besser noch, Europa mit einer Prise Amerika. Außerdem – und das ist ohne jeden Zweifel das Wichtigste und Schmerzhafteste-wird niemand im Passbüro und kaum einer meiner deutschen Freunde verstehen oder glauben können,wie viel aufrichtiges Wohlwollen und welch tiefe, fast sentimentale Freundschaft in meine Reportagen eingeflossen sind.“   

Zwei Jahre später besucht Sobanski den Parteitag in Nürnberg. Er spaziert inmitten Hunderttausender von Nazis, der Witz ist ihm vergangen. Er sieht „Masken des Stumpfsinns“. Jüdische Geschäfte sind geschlossen, oder es stehen feine Damen am Eingang, die den Kunden höflich unterrichten, was es mit dem Laden auf sich habe. „Ich machte eine Runde durch alle Geschäfte, die am Vortag geschlossen waren. Die feinen Damen passten überall auf. Sie waren alle vom selben Schlag wie jene, die sich auf Bahnhöfen um die Mädchen kümmern. Gut, ehrenhaft und uneigennützig.“

Nachdem er in Nürnberg den Gauleiter Streicher getroffen hatte, der offen forderte, die Juden auszurotten, fällt Sobanski auf: „Überhaupt spricht man heute in Deutschland über Blut mit einer intimen Sinnlichkeit und einer gewissen Gier, abhängig von den Umständen erscheint es mal edel wie Wein, mal stärkend wie Hühnerbrühe oder ekelerregend wie bestimmte Flüssigkeiten, die man nicht laut nennen darf.“

ANTONI GRAF SOBANSKI: NACHRICHTEN AUS BERLIN 1933-36 Rowohlt Taschenbuch Verlag 2009

 

Nachtrag: Nach seiner letzten Reise-im Jahr 1936- kehrte Sobanski nicht mehr nach Deutschland zurück.

Am 5 September 1939, wenige Tage nach dem deutschen Überfall auf Polen, floh er aus seiner Heimat. Sobanski hatte allen Grund, sich vor der Rache der Nazis wegen seiner eindeutig gegen Hitler gerichteten Publikationen zu fürchten.Sein Deutschland-Buch stand auf einer vom Generallgouvernement veröffentlichten Liste „des deutschfeindlichen, schädlichen und unerwünschten polnischen Schrifttums“

Nach einer Odysee über mehrere europäische Staaten, gelang ihm die Einreise nach Großbritannien. Dort verstarb Antoni Graf Sobanski im Jahr  1941.   http://de.wikipedia.org/wiki/Antoni_Soba%C5%84ski

 

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