Traum, Rausch und Poesie/Vor 60 Jahren nahm sich Klaus Mann das Leben

Mai 21, 2009

                        @Ramon Schack           

  Traum, Rausch und Poesie/Vor  60 Jahren nahm sich Klaus Mann das Leben

 

 „Mein Mitleid mit dem Mutterherzen und mit Erika. Er hätte es ihnen nicht antun dürfen. Viel über ihn und den von langer Hand unwiderstehlich wirkenden Todeszwang. Das Kränkende, Unschöne, Grausame, Rücksichtslos- und Verantwortungslose.“ 

 

Mit diesen kühlen, ja frostigen, Worten kommentierte Thomas Mann den Selbstmord seines Sohnes Klaus, in seinem Tagebuch, am 21. Mai 1949.

Die Nachricht erreichte Thomas Mann während einer Lesereise in Stockholm, in Begleitung von Ehefrau Katja und Tochter Erika. 

Nach kurzer Beratung beschließt der, aus diesen drei Personen bestehende,“ innere Zirkel“ dieser „amazing Family“, wie es ein britischer Diplomat einmal ausgedrückt hatte, die Reise nicht zu unterbrechen.

Bis auf seinen jüngeren Bruder Michael, der gerade erscheint als der Sarg hinabgelassen wird- wo der gelernte Bratscher noch eine Trauermusik spielt- erscheint niemand aus der Familie bei der Beerdigung in Cannes.

 

Dieses Verhalten Thomas Manns, seine Äußerungen, waren der Ausdruck eines gestörten Verhältnisses zu seinem zweitältesten Kind, welches Klaus Mann sein kurzes Leben lang, prägen sollte.

 

Er war dreifach geschlagen. Er war homosexuell, Er war süchtig, er war der Sohn Thomas Manns“  schrieb Marcel Reich Ranicki einmal oberflächlich.

Klaus Mann war auch der Sohn einer Jüdin, ein heimatloser Kosmopolit, seiner Zeit weit voraus, sowie einer der modernsten Schriftsteller seiner Generation. 

Während des Höhepunktes, seiner produktiven Karriere als Schriftsteller, fungierte Klaus Mann auch als das  literarische junge Sprachrohr, der fieberhaften, ruhelosen Republik von Weimar, der ersten, kurzlebigen, Demokratie Deutschland.

 

Wie nur wenigen seiner Kollegen gelang es  dem 1906 geborenen Klaus Mann, die Dekadenz, den Aufstieg, den Verfall, sowie das entfesselte Tempo der „goldenen Zwanziger Jahre“, überwiegend in Berlin, einzufangen und in seinen Büchern zu verarbeiten. Später, schon längst im Exil, schrieb er über diese Zeit:“Berlin zur Inflationszeit, von Ausländern übnerschwemmt, schwule Bar an jeder Ecke, Kokain auf jeder Party..“

Das gilt sowohl für seinen Debut- Roman „der fromme Tanz“, wie auch für sein letztes Werk vor dem Exil,“ Treffpunkt im Unendlichen“, indem er das Lebensgefühl der jungen, urbanen Boheme Berlins, am Vorabend vor Hitlers Machtergreifung, beschreibt.  Zusammen mit seiner Schwester Erika ist er ständig unterwegs, fährt durch Europa, nach Nordafrika, immer wieder, nach Paris.1927 reisen die beiden Geschwister für ein Jahr um die Welt.Über die USA, geht es nach Japan, China, Russland. Ein Reiseroman entsteht anschließend-„Rundherum“- und festigt den Ruf Klaus Manns, als einer der Hauptvertreter der neuen deutschen Generation, derWeimarer Republik. Weltoffen, übernational, paneuropäisch, urban und polyglott.  

Die deutsche Presse  fiel zu Beginn über die Werke Klaus Manns her, ebenso viele Schriftsteller und Journalisten, und übergossen seine Arbeit, mit Kritik, Spott und Häme.

Nicht selten galten diese Angriffe weniger Klaus Mann, als  viel eher seinem Vater, den man so, wenn man ihn schon nicht vom literarischen Olymp stoßen konnte, doch wenigstens mit kleinen Giftpfeilen attackieren durfte. So schrieb Kurt Tucholksy 1928 in der Weltbühne“ Man braucht nicht gleich auf das Niveau Klaus Manns herunterzusteigen der von Beruf jung ist und von dem gewiss in einer ernsthaften Buchkritik nicht  die Rede sein soll“. 

Ein neuer Roman von Klaus Mann – das gleicht einander wie ein geplatztes Kloakenrohr dem anderen“, war 1925 in der Zeitschrift“ Die schöne neue Literatur“ zu lesen. 

Wohl auch aus diesem Grunde, registrierte der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann die literarischen und schauspielerischen Ambitionen seines Sohnes, sowie dessen Stilisierung als Enfant Terrible, als schwuler Dandy mit künstlerischen Ambitionen, mit Sorge, zumal der leichtsinnige Sohn den Gegnern bequeme Angriffsflächen bot.

Während der 1920 Jahre, dessen neue Freiheiten und Verführungen, von Klaus, im Verbund mit seiner Schwester Erika, enthusiastisch gefeiert und ausgelebt wurden, wollten gerade die Vertreter der neuen literarischen Generation- zum Beispiel Berthold Brecht – von Thomas Mann  nichts mehr wissen. Der Autor der Buddenbrocks wurde als altmodisch, antiquiert, verstaubt, ja als Repräsentant der untergegangenen alten, monarchistischen, Epoche identifiziert.  Deshalb reagierte Thomas Mann, dem die Reaktion auf sein Werk alles andere als gleichgültig war, empfindlich auf die Eskapaden seines Sohnes.

Noch viel mehr missbilligte er dessen Lebensstil, das offene Bekenntnis zur Homoerotik, den Hedonismus, die Ablehnung tradierter Lebensformen, den überhitzten Intellektualismus.

Im Privaten nahm Klaus Mann sich alles das heraus, was sein Vater sich sein Leben lang verbat, hinter der Maske des großbürgerlichen Ehrenmannes, beziehungsweise in seinen Werken, gelegentlich- höchstens subtil andeuten ließ.

 

Klaus Mann nutze den Namen seines berühmten Vaters, um seine eigene Karriere zu forcieren, nicht ohne sich auch über die Nachteile dieser Entwicklung zu beklagen. Noch während der „Weimarer Republik“  beschwert er sich öffentlich:“ Ich habe meine unvoreingenommen Leser noch nicht gefunden. Nicht nur der Gehässige, auch der freundlich Gesinnte konstruiert zwischen dem, was ich schreibe, und dem väterlichen Werk instinktiv den Zusammenhang. Man beurteilt mich als den Sohn.“ Gleichzeitig forderte er seinen alten Herren heraus, fast in jedem seiner Werke, seiner Artikel und öffentlichen Auftritte konnte man den stillen Aufruf erkennen“ Ich bin wie Du, nur ich lebe es aus, verberge es nicht!“  

 

Mit dem beschleunigten Verfall seiner geistigen Heimat, der Weimarer Republik, reifte Klaus Mann zum frühen Warner vor den kommenden totalitären Gefährdungen.

Die politischen Rahmenbedingungen, der Aufstieg der NSDAP, sowie private Schicksalsschläge, der Selbstmord seines Jugendfreundes Ricki Hallgarten “Ich habe Angst vor der Hitler-Diktatur“, am Vorabend einer geplanten Persien-Reise, verschärften seinen politischen Instinkt.

Der junge Mann, gestern noch flatterhaft und vergnügungssüchtig, entlarvte jetzt die Angriffe der links- und rechtsextremistischen  Ideologen auf das marode, ungeschützte und ungeliebte Gehäuse dieser Demokratie, obwohl er Anfang der 1930er Jahre Hitlers nahe Machtergreifung wohl noch nicht vollständig erkennen konnte. 

Offensiv attackiert er die intellektuellen Wegbereiter des Untergangs. 1930 polemisiert er gegen Ernst Jünger, „ der uns die Barbarei als neue Gesinnung vorgaukelt. Dass  er schreiben kann, erst das macht ihn gefährlich… Ein Geist von der finsteren Glut Jüngers kann Unheil stiften. Die Jugend, die der Phraseologie des Liberalismus sterbensmüde sei, horche auf, wenn Jünger den Begriff der individuellen Freiheit kurzweg für antiquiert erklärt; dabei ahnen die treuen Herzen nicht, wie unheimlich diese Redensart ihres Heros sich mit der grausig großartigen Formel Lenins berührt, der die Freiheit zu den bürgerlichen Vorurteilen rechnete.“ 

 

Im Exil, welches er zunächst pathetisch als „Flucht ins Leben“ beschrieb, setzte er seinen Kampf gegen den Nationalsozialismus fort, ohne sich dabei- im Gegensatz zu vielen seiner  Kollegen- mit den Kommunisten einzulassen. Konsequent verteidigt er das Individuum und den Rationalismus gegen jegliche Art kollektivistischer Utopien. Unvergessen ist sein Briefwechsel, mit dem von ihm einst verehrten Dichter Gottfried Benn., welcher nun offen mit den Nazis sympathisiert Er warnt Benn vor..  „einer zu starken Sympathie mit dem Irrationalen“ Erst die große Gebärde gegen die ,Zivilisation` – eine Gebärde, die, wie ich weiß, den geistigen Menschen nur zu stark anzieht – dann plötzlich ist man schon beim Kultus der Gewalt, und dann schon bei Adolf Hitler.“Benn antwortete polemisch, nicht etwa privat, sondern in einem offenem Brief, veröffentlicht im Völkischen Beobachter, an die literarischen Emigranten, im Allgemeinen, an Klaus Mann im Speziellen. Als „bürgerliche Neunzehntes -Jahrhundert-Gehirne“ beschimpft er sie. Und klärt sie darüber auf, dass die „herrschaftliche Rasse“ nur aus „furchtbaren und gewaltsamen Anfängen emporwachsen“ könne.“ Wollen Sie mir also glauben, wollen Sie sich also nicht täuschen, was auch immer Europa Ihnen zuflüstert, hinter dieser Bewegung(des Nationalsozialismus) steht friedlebend und arbeitswillig, aber wenn es sein muss, auch untergangsbereit, das ganze Volk…  „

Erst nachdem Krieg gestand Benn ein, „..dieser 27 jährige habe die Gefahr damals viel präziser erkannt als ich“. Als Benn 1951 mit dem Gottfried-Büchner-Preis ausgezeichnet wird, ist Klaus Mann schon 2 Jahre tot.

 

Die Jahre des Exils, zunächst in Frankreich, den Niederlanden, in der Schweiz, schließlich in den USA, sind schwierig. Der promiskuitiv lebende Mann, dessen homosexuelle Affären ebenso zahlreich wie flüchtig waren, litt unter Vereinsamung, sehnte sich nach einem festen Freund.

Mit „Mephisto gelingt ihm ein Meisterwerk. Mit der Romanfigur Hendrik Höfgen rechnet er mit seinem ehemaligen Weggefährten und Schwager Gustaf Gründgens ab, und zeichnet das Sittengemälde eines Karrieristen im Dritten Reich. Er schrieb tausende von Zeitungstexten und Aufrufen, beteiligte sich an der Gründung von Exil-Verlagen und -Zeitschriften, verfasste in rascher Folge die Romane Flucht in den Norden, Symphonie Pathétique, Mephisto und Der Vulkan und schrieb 1942 seine Autobiographie The Turning Point bereits auf englisch. Um den amerikanischen Isolationismus zu bekämpfen und Präsident Roosevelt intellektuell den Rücken zu stärken, gründete er mit ganz wenig Anfangskapital die Zeitschrift Decision, um die sich so unterschiedliche Geister wie Sherwood Anderson, Somerset Maugham, Julien Green, der tschechische Exil-Präsident Edvard Benes sowie Thomas Mann und Stefan Zweig scharten. Der finanzielle Umsatz aber blieb trotz der enormen Qualität des Blattes aus, so daß Decision bereits Anfang 1942 wieder eingestellt werden musste. Die materiellen Sorgen, von denen  er sich kaum jemals frei machen konnte, im Verbund mit seiner   Drogensucht, schon in der Weimarer Republik war er vom Morphium abhängig, leiteten seinen Niedergang ein.Selbst der ersehnte Eintritt in die US-Armee bringt nur kurzzeitig Linderung, allerdings scheint sich das Vater-Sohn-Verhältnis zu verbessern. 1943 schreibt Thomas Mann an Klaus Mann:“ Weder das Schreiben noch die Liebe haben offenbar der Gesundheit Deiner Grundsubstanz etwas anhaben können, ..sondern Du bewährst Dich nun.. ganz richtig und tapfer wie ein Mann.“.

Während  seiner Armeezeit, findet er für sein Leben noch einen einigermaßen stabilen Rahmen.

Die Begegnung mit seiner alten, zerstörten Heimat erschüttert ihn. Ernüchtert registriert er die, dass die Mehrheit er Deutschen uneinsichtig geblieben sind, unfähig ihre Schuld einzugestehen, Reue zu empfinden. Zusammen mit seiner Schwester Erika, beide reisen als Korrespondenten durch das besetzte und besiegte Deutschland, fordert er seinen Heimweh geplagten Vater dazu auf, auf keinen Fall zurückzukehren.

Gleichzeitig spüren sie Feindschaft, die zurückgekehrten Emigranten entgegenschlägt.

Klaus Mann sitzt sprachlos inmitten eines begeisterten Premierenpublikums in Berlin, das die Rückkehr Gustaf Gründgens ins Rampenlicht des Deutschen Theaters feierte. Wenig später fürchtet Klaus Manns deutscher Verleger  Jakobi das Risiko eines Skandals und weigert sich, Mephisto zu veröffentlichen. Der Roman, der in verschlüsselter Form von Gründgens Kollaboration mit den Nazis erzählt. Jakobi  verweist auf die bedeutende Rolle, die Gründgens wieder in Deutschland spielt. Klaus Mann schrieb empört zurück:“ Das heiße ich mir Logik! Und Zivilcourage! Und Vertragstreue !- Ich weiß nicht, was mich mehr frappiert: Die Niedrigkeit Ihrer Gesinnung oder die Naivität, mit der Sie diese zugeben.( ..) Immer mit der Macht! Mit dem Strom geschwommen! Man weiß ja, wohin es führt: zu eben jenen Konzentrationslagern, von denen man nachher nichts gewusst haben will.“ Bis heute ist der Roman Mephisto, laut einem Gerichtsbeschluß von 1966,  in der Bundesrepublik offiziell verboten.

Während einer verbleibenden Lebensjahre wird kein einziges seiner Werke mehr im Nachkriegsdeutschland veröffentlicht.

Klaus Mann ist am Ende, ausgebrannt, pleite. Der beginnende Kalte Krieg zerstört alle Illusionen auf eine neue Weltordnung. Das älter werden macht ihm, der immer das apollinische Ideal der ewigen Jugend verfolgt hat, zu schaffen. Er schlägt keine Wurzeln, fühlt sich  nirgendwo zu hause. Seine Todessehnsucht, die ihn immer- wie auch der Lebenshunger- begleitet hat, wird wieder stärker. Den Tod hat er nie gefürchtet, Im Gegenteil er glorifizierte ihn.  Schließlich ist er an der politischen Situation zugrunde gegangen, wie sein Onkel Heinrich Mann meinte, und doch war es dies nicht ganz allein. Cannes, die Côte-d’Azur-Stadt voller Glamour, Sonne, Sex und Vergesslichkeit, darf nicht unerwähnt bleiben. Noch einmal, am 20. Mai 1949, träumt Klaus Mann dort den Traum von Reisen, von Luxus und Mobilität: „Man hat mich wieder sehr herzlich nach Prag eingeladen. Vielleicht fahren wir dorthin gemeinsam, Erika – im Automobil? Zu Tito möchte ich lieber nicht … Alles Liebe, Treue, Schöne dem Papa und Euch vom lieben, treuen, schönen K.“, schreibt er in einem Brief an Erika. In den Abendstunden des 21. Mai 1949 verstarb er an einer Überdosis Schlaftabletten. Herman Keesten schrieb ein Jahr später, über seinen engen Weggefährten und langjährigen Freund Klaus Mann:„Er liebte die ganze Erde, und besonders Paris und New York, und floh vor sich selbst. Er zerrte am flatternden Vorhang, der den Tag vom Nichts trennt, und suchte überall den Traum und den Rausch, und die Poesie, die drei brüderlichen Illusionen der allzu früh Ernüchterten. Er war voller nervöser Daseinslust und heimlicher Todesbegier, frühreif und unvollendet, flüchtig und ein ergebener Freund, gescheit und verspielt. Zum Spaß war er ein  Spötter, und wenn es ernst wurde, ein Idealist.“

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3 Responses to “Traum, Rausch und Poesie/Vor 60 Jahren nahm sich Klaus Mann das Leben”

  1. Marko Martin Says:

    Mit grossem Vergnügen al dies (wieder-)gelesen, alter Schlawiner!

    Von Klaus-Mann-Fan zu Klaus-Mann-Fan,

    Herzlich,
    Marko


  2. Habe erst jetzt diesen ansprechenden, Klaus Mann Tribut zollenden Beitrag gefunden. Danke dafür, wenn auch spät.

    Ich bin darauf gestoßen, als ich ein Gedicht suchte, meiner Erinnerung nach von Klaus Mann, auf das ich vor vielen Jahren mal gestoßen bin und nun nicht wiederfinde, zumindest nicht über das Internet.

    Es geht um eine Taube, die nicht mehr fressen wollte, egal was man ihr gab, und ihr Gefieder war von Tränen nass…Es kam auch das Element Glas vor. Aber alle Schlüsselwörter bringen mch bei meiner Suche nicht weiter. Vielleicht täuscht mich meine Erinnerung ja auch und es ist gar nicht von Klaus Mann??

    Sollte jemand das Gedicht zufällig kennen, würde ich mich über einen Hinweis oder Link sehr freuen.
    Vielen Dank im voraus.

    Birgit

    Ich lebe nicht mehr in Deutschland und habe nur das Internet zur Verfügung um nach Quellen zu suchen.

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