Deutschland hat gewählt:Schwarz-Gelb ist zurück

September 28, 2009

                      @Ramon Schack

Am 27. September 1998 saß  ich im Wohnzimmer eines Bekannten, im indischen Goa.

Der Ventilator an der Decke spendete angenehme Kühle, angesichts der tropischen Witterung.

Draußen- vor dem offenen Fenster- wehten die Kokospalmen sanft im Wind. Die Fischer zogen gerade ihre  Boote an Land, das Arabische Meer schimmerte türkisfarben in der prallen Sonne.

Goa India von Ihnen.

Wir schlürften Tee und schauten auf die verwackelten Bilder des Fernsehgerätes- Marke Vorsinflut.  Unser Gastgeber hatte auf meinen Wunsch BBC-World eingeschaltet. Auf dem Bildschirm erschienen die strahlenden Gesichter von Joschka Fischer, Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder. Es war der Tag der Bundestagswahl, an dem die Ära Kohl beendet wurde, somit auch die Schwarz-Gelbe Regierungskoalition, welche seit 1983 an der Macht war. Es war eine historische Wahl, die 68er Generation übernahm jetzt das Ruder, verbunden mit viel Energie, Reformeifer und zahlreichen Zukunftsvisionen.  Die SPD erhielt an die 40 % Ich hatte schon vor meiner Indien-Reise  per Briefwahl abgestimmt. Damals votierte ich weder für Rot-Grün, noch für Schwarz-Gelb. Obwohl ich den damaligen Regierungswechsel eigentlich begrüßte, hegte ich  gegenüber Gerhard Schröder  schon eine gewisse Abneigung, die sich bis zum heutigen Tage eher verstärkt hat.: Lesen Sie dazu auch:  https://ramonschack.wordpress.com/2009/09/22/bundestagswahlkampfgerhard-schroder-ist-zuruck/

Als ich im Frühjahr 2003 nach Deutschland zurückkehrte, um in Berlin meine Zelte aufzuschlagen, erkannte ich die Bundesrepublik kaum wieder. Aus dem damals noch boomenden London kommend, in der britischen Hauptstadt herrschte Anfangs des Jahrtausends nahezu Vollbeschäftigung, erschienen mir die ökonomischen und sozialen Rahmenbedingungen in Deutschland rückständig und marode. Die Republik hatte sich nicht zum Positiven entwickelt, alle Statistiken bestätigten meine subjektiven Eindrücke. Von der Aufbruchsstimmung der Ära Schröder war nichts mehr zu spüren. Missmut und Stagnation, im Verbund mit schwindenden ökonomischen Perspektiven, bestimmten das Lebensgefühl. Meine Freunde und Bekannten, vorwiegend im linksliberalen politischen Milieu angesiedelt, schauten mich mit großen Augen kopfschüttelnd an, wenn ich ihnen meine politischen Analysen präsentierte.  

Den gestrigen Wahlabend verbrachte im beschaulichen Rixdorf, einem Ortsteil von Berlin-Neukölln, auf einer Wahlparty der örtlichen LINKEN, also der Partei die ich mit Sicherheit niemals wählen würde. Vor dem weißgetünchten neoklassizistischen Gebäude aus der Gründerzeit, waren unzählige blutrote Fahnen der Partei aufgebaut. Die Gäste spiegelten die Heterogenität der LINKEN wieder. An meinem Tisch saß eine einfache,  aber  vornehm tuende Familie. Kleinbürger, ehemalige Sozialdemokraten, die im Gespräch eine beeindruckende Naivität bezüglich ökonomischer Fragen offenbarten. Der Familienvater forderte immer wieder, der Staat müsse mehr Geld drucken, um soziale Ungerechtigkeiten  auszugleichen.  Der örtliche Spitzenkandidat, ein smarter Schönling in teuren Designer-Klamotten, wirkte etwas fremd, im Kreise seiner potentiellen Wähler, unter ihnen unzählige Alt-68er, Gewerkschaftstypen, Arbeiter mit einem proletarischen Milieu-Einschlag, und Studenten sozialwissenschaftlicher Disziplinen. Eher im Hintergrund hielten sich ältliche Damen und Herren, formal bis spießig gekleidet, aus dem benachbarten Ost-Bezirk Treptow- Köpenick, die man ohne große Mühe als SED-Altlasten identifizieren konnte. 

Zahlreiche, nicht unsympathische Jungwähler strömten kurz vor 18.00 Uhr in das Restaurant. Eine Dame eröffnete das Büffet, mahnte aber zur Bescheidenheit, da es aus Spenden finanziert wurde, deshalb auch gratis sei, und für alle reichen müsse. Es versteht sich von selbst, dass ich mich dieser Direktive nicht verpflichtet fühlte und die Parteikasse ordentlich belastete, in Form von reichlich gefüllten Tellern und Gläsern.

Nach der ersten Prognose, die von den anwesenden Gästen erwartungsgemäß mit Beifall begrüßt wurde, gönnte ich mir noch ein Glas Rotkäppchen Sekt und machte mich dann auf den Weg zu einer Verabredung. Als ich die Gaststätte verließ, schauten mir einige Parteimitglieder  unfreundlich hinterher.

Schwarz-Gelb ist zurück: http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/unions-fdp-mehrheit-auch-im-bundesrat;2462191

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2 Responses to “Deutschland hat gewählt:Schwarz-Gelb ist zurück”


  1. Die CDU hatte ihr schlechtestes Wahlergebnis in der Geschichte und auch die CSU hat extrem verloren in Bayern. Den klassischen am Sonntag nach der Kirche wählenden katholischen CDU-Wählter gibt es allenfalls noch in Rückzugsgebieten Deutschlands.

    Ein katastrophales Ergebnis somit für die Konservativen. Freuen kann sich allein die FDP und das sehr gross gewordene Lager der Liberalen.

  2. Mike Seeger Says:

    Da hattest Du ja einen schönen Abend. Schön auch, dass Du mit Abstand analysieren kannst. Der Text gefällt mir sehr gut, schmunzelnd kommentierte Wahlnacht aus einer ungewohnten Perspektive. Ebenso schmunzelnd habe ich das Ergebnis der Wahl mal kommentiert, sicherlich eher aus laienhafter Sicht, nichtsdestotrotz mit viel Spaß.
    Liebe Grüße
    Mike

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