Quelle am Ende/Das Symbol des deutschen „Wirtschaftswunders“ liegt in Trümmern

Oktober 21, 2009

 

                             @Ramon Schack

Deutschland 1923:Die Preise explodieren. Damen der gehobenen Gesellschaft verscherbeln ihr Tafelsilber, unzählige Menschen stürzen ins Elend.

Inmitten dieser Krise verprassen Inflationsgewinner ihren Reichtum, es kommt zu einem Verfall der Sitten, die Kriminalität steigt. Die junge Demokratie- der Weimarer Republik- verliert das Vertrauen ihrer Wähler, politische Extremisten nutzen die Gunst der Stunde.     Es ist das Jahr der Hyperinflation, der größten Geldentwertung der Neuzeit.

 

Bild:Deutschland 1923: Die Hyperinflation zerstört die materiellen Lebensgrundlagen der Bevölkerung.

Der Historiker Sebastian Hafner schrieb später über dieses Jahr:“Das Jahr 1923 machte Deutschland fertig – nicht speziell zum Nazismus, aber zu jedem phantastischen Abenteuer. Die psychologischen und machtpolitischen Wurzeln des Nazismus liegen tiefer zurück, … Aber damals entstand das, was ihm heute seinen Wahnsinnszug gibt: die kalte Tollheit, die hochfahrend hemmungslose, blinde Entschlossenheit zum Unmöglichen, um am Ende, nur durch die reine Willenskraft und Brillanz über Allem zu stehen; das ‚Recht ist, was uns nutzt‘ und ,das Wort unmöglich gibt es nicht‘. Offenbar liegen Erlebnisse dieser Art jenseits der Grenze dessen, was Völker ohne seelischen Schaden durchmachen können.“

 In diesem Jahr 1923  gründete Gustav Schickedanz sein Quelle-Imperium. Er brachte als erster das Konzept des Versandhandels aus den USA nach Deutschland. 1923 eröffnete er in seiner Heimatstadt Fürth in Franken einen Großhandel für «Kurzwaren en gros». Vier Jahre später, am 26. Oktober 1927, gründete der Kaufmann sein «Versandhaus für Textilien und Haushaltsartikel». Der Familienbetrieb verkaufte zunächst ein kleines Warensortiment, zu dem Artikel wie Knöpfe oder Messer gehörten. 1929, im Jahr der Weltwirtschaftskrise, trifft Schickedanz dann ein schwerer Schlag. Bei einem Autounfall sterben seine Frau Anna, sein kleiner Sohn Leo und der 72-jährige Vater des Unternehmers. Schickedanz verliert den Lebensmut. Seine Schwester Liesl übernimmt die Führung, bis der Chef aus seiner Depression herausfindet

Der Durchbruch kam in der Nazi-Zeit.  1933 war Quelle das erfolgreichste deutsche Versandhaus. Schickedanz arrangierte sich  mit dem Regime, trat der NSDAP bei und zog für die Partei Hitlers 1935 in den Fürther Stadtrat ein. Von einer jüdischen Familie kaufte er die Vereinigten Papierwerke Nürnberg, behielt allerdings die jüdischen Arbeiter.  Bis 1939 hat Quelle über 2 Millionen feste Kunden. Im Zweiten Weltkrieg wird das Betriebsgebäude samt der Kundenkartei zerstört. Nach 1945 erhält der Quelle-Gründer wegen seiner Verflechtungen mit dem Nazi-Regime ein Berufsverbot von drei Jahren. In der Zwischenzeit sorgt seine Frau Grete mit einem kleinen Laden am Wohnort Hersbruck in der Nähe von Nürnberg für das finanzielle Überleben der Familie.

Nach der Neugründung des Unternehmens 1948, flankiert von der Währungsreform, geht es wieder steil nach oben. Betrug der Umsatz im ersten Jahr noch 315’000 Mark, waren es ein Jahr später schon 12 Millionen Mark; 1954, nach fünf Jahren, bereits 260 Millionen Mark. In gleichen Jahr erscheint auch der erste grosse Hauptkatalog des Unternehmens, der sich zunehmend einen festen Platz in den deutschen Haushalten erobert. Mittlerweile sind darin auch Möbel, Gartengeräte und Fahrräder erhältlich.

1949 eröffnete in Fürth das erste Quelle-Kaufhaus, 1955 zählte die Kundendatei wie vor Kriegsausbruch wieder zwei Millionen Adressen, im gleichen Jahr startet das Versandhaus auch mit Finanzdiensten, aus der sich die spätere Noris-Bank entwickelt.

1969 umfasst das Filialnetz bereits mehr als 100 Geschäfte. Schon in den sechziger Jahren nennt sich Quelle «Europas grösstes Versandhaus», die ersten Tochterunternehmen im Ausland sind bereits gegründet. 1972, nach vielen Zukäufen, erreicht der Umsatz gut 5 Milliarden Mark. Schickedanz steht exemplarisch für die Entwicklung im Nachkriegsdeutschland, die später «Wirtschaftswunder» genannt wird.Der Unternehmer stirbt 82-jährig am 27. März 1977 in Fürth. Fast ein halbes Jahrhundert hatte der Unternehmer zusammen mit seiner Frau den Konzern aufgebaut und geleitet. Mittlerweile war der Quelle-Katalog zu einem dicken Konvolut mit 980 Seiten angewachsen, die Kunden können insgesamt 80’000 Waren bestellen. Grete Schickedanz leitete das Unternehmen noch einige Jahre, dann übernahmen externe Manager die Leitung des Versandhauses. Mit dem zunehmenden Wachstum des Internethandels verlor der Quelle-Katalog aber immer mehr an Bedeutung.

1999 wurde das Familienunternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, die mit dem Kaufhauskonzern Karstadt AG fusionierte. Spätestens von da an waren die goldenen Zeiten des Unternehmens vorbei. Trotz Stellenkürzungen und Sparmassnahmen machte die scharfe Konkurrenz im Internet Quelle zunehmend zu schaffen.

Mit über 20’000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 4,2 Milliarden Euro war Quelle 2007 noch immer Europas größtes Versandunternehmen. Doch da schrieb die Quelle-Mutter Arcandor schon längst tiefrote Zahlen, die auch durch das schnelle Auswechseln von Vorstandschefs nicht verschwanden.

Der voraussichtlich letzte Chef des Unternehmens, Karl-Gerhard Eick, sprach schon kurz nach seinem Amtsantritt im März 2009 von einer schweren Krise bei Arcandor. Im Juni musste die Quelle-Mutter schliesslich Insolvenz anmelden. Gut drei Monate später war es dann um das Imperium von Gustav Schickedanz endgültig geschehen. Ein weiteres Symbol des „Deutschen Wirtschaftswunders“ liegt in Trümmern.   

Lesen Sie dazu auch: http://www.handelsblatt.com/unternehmen/koepfe/quelle-insolvenzverwalter-macht-kasse;2471460

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One Response to “Quelle am Ende/Das Symbol des deutschen „Wirtschaftswunders“ liegt in Trümmern”

  1. Wedekind Says:

    Mit dem Untergang der Quelle geht ein weiteres Traditionsunternehmen vor die Hunde. Auch ein Stück unserer Kindheit und unserer Jugend wird damit gelöscht.
    Alle Spekulationen ändern nichts an dieser Tatsache, die leider bittere Wahrheit ist. Vermutlich wäre es abwendbar gewesen, aber wenn das Wördchen wenn nicht wär, wär mein Vater Millionär.. In diesem Sinne, alles erdenklich gute und viel Glück und Erfolg für die Zukunft an all die Leidtragenden Angestellten der Quelle.

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