Türkei:Wird der Kemalismus beseitigt?

Februar 24, 2010

                             @Ramon Schack

Der türkische Premierminister Erdogan ist mit Sicherheit kein Fanatiker.Sein überwältigender Wahlsieg im Juli 2007 stellte ja nur den vorläufigen Höhepunkt einer langen Entwicklung dar.

Während im Iran die Moscheen leer stehen, ja sogar eine Entfremdung von religiösen Dogmen stattfindet, gerade unter der urbanen Jugend, sprießen im NATO-Land Türkei die Moscheen wie Pilze aus dem Boden.

Wahrscheinlich wäre es sogar heilsam, wenn in der kraftstrotzenden Türkei der Versuch in Gang käme, ein von der Bevölkerung getragenes koranisches System zu installieren, nachdem man in der übrigen „Islamischen Welt“, vergeblich Ausschau hält.

Irgendwie muß das Verhältnis Europas  gegenüber seinen islamischen Nachbarn ja auf eine neue, realistischere Grundlage gestellt werden.  Die Respektierung des demokratischen Willens der dortigen Mehrheit, auch wenn diese temporär eine religiöse Staatsform präferiert, sollte auf Dauer Vorrang gewinnen über die Kungelei und Kumpanei mit öberflächlich befreundeten Diktatoren und fundamentalistischen Feudalherrschern, deren Anschleimerei an den Westen nur der eigenen Selbsterhaltung dient und die früher oder später einstürzen werden. 

Es konnte ja gar nicht ausbleiben, dass ein Politiker vom Schlage Erdogans, in eine offene Konfrontation mit der allmächtigen Generalität der türkischen Armee und ihrer auf kemalistischen  Laizismus eingeschworenen Staatsdoktrin gerät.

Das hohe Offizierskorps, das bisher im Nationalen Sicherheitsrat die Entscheidungen fällte, betrachtet sich als Bastion des nationalrepublikanischen Erbes, des höchsten Vermächtnisses, das Atatürk hinterließ.

Sukzessive hatte es Erdogan unternommen, diese militärische Macht zu mindern und mit parlamentarischen Mitteln zu unterlaufen.

Die europäischen Freunde des Türkeibeitritts zur EU, welche darauf hinarbeiten, den Einfluss der Armee abzubauen, weil diese den demokratischen Vorstellungen des Westens widerspricht, unterstützen Erdogan dabei fleißig.

Mit der Entmachtung der Generäle wird jedoch  die letzte Hürde beseitigt, die sich einer allmächtigen Umwandlung dieses laizistischen Staates in eine Islamische Republik entgegenstellt.

In den letzten Tagen kam es zu umfangreichen Säuberungen innerhalb der Armee:Lesebefehl:http://www.taz.de/1/politik/europa/artikel/1/putschvorwuerfe-gegen-militaer/

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10 Responses to “Türkei:Wird der Kemalismus beseitigt?”

  1. Ewa Says:

    Ich erteile das Prädikat „Besonders Wertvoll!“


  2. Ist Geert wilders mit Sicherheit auch kein Fanatiker?

    wäre es vielleicht auch für Europa heilsam, ein von der Bevölkerung getragenes rechtspopulistisches System zu installieren, nachdem man in der „westlichen Welt“ vergeblich Ausschau hält?

    vielleicht lernen wir es dadurch, auch endlich wieder „vor Kraft strotzende edle Wilde“ zu werden?

    Erdogans islamismus spielt unseren „edlen Wilden“, die die Türkei als Feind sehen wollen, auf jeden Fall in die Hände.

    http://aron2201sperber.wordpress.com/2009/05/18/fpo-inserat-in-der-kronenzeitung/

  3. ramonschack Says:

    Lieber Aron,

    ich halte Geert Wilders für einen ganz faulen Kunden,mit dem ist glaube ich nicht viel los.Traurig wenn Leute wie Broder Wilders als Freiheitshelden bezeichnen.Wie schlimm muss es da um unserere Freiheit bestellt sein?

    Was wäre denn die Alternative bezüglich der Türkei.Wir exportieren doch ständig unserern Stimmzettel-Fetischismus..?


  4. Geert Wilders ist ein kleiner Rechtspopulist – aber im Gegensatz zur AKP will er wohl nicht den demokratischen Verfassungsstaat mit all den Grundrechten, die wir als Selbstverständlichkeit betrachten, abschaffen.

    eine Selbstverständlichkeit, die mittlerweile schon viel zu selbstverständlich geworden ist –
    wie Ayaan Hirsi Ali in einer TV-Show dem Moderator Avi Lewis (Naomi Kleins Ehemann) entgegnete:

    “You had the luxury to grow up in freedom – and so you can spit on freedom, because you don´t know what it is, not to have freedom”

    zum „Stimmzettelfetischismus“:

    natürlich kann es sein, dass eine mehrheit eine Partei wählt, die die Demokratie und Grundrechte abschaffen will (siehe deutsche Geschichte)

    die Demokratie darf sich gegen ihre eigene Abschaffung wehren, indem sie solche Parteien verbietet (siehe NSDAP-verbot in Deutschland)

    wenn es einem Anlaß zur Häme gibt, dass die Türkische Republik gerade gegen ihre eigene Abschaffung per Stimmzettel kämpfen muss, hat man eindeutig zu viel Peter Scholl-Latour gelesen

    😉

  5. ramonschack Says:

    Aron, vielleicht solltest Du noch einmal das Parteiprogramm von Wilders lesen, es ist ja recht dürftig, so als ob es ein Milchmädchen auf ein Stück Klopapier gekritzelt hätte.

    Dir als jurist dürfte dann bestimmt auffallen, welche Deformationen des demokratischen Verfassungsstaates Wilders und seine Kamarilla anstreben.

    Die AKP nun mit der NSDAP in Verbindung zu bringen ist etwas unscharf, milde ausgedrückt.Da bringe ich eher noch die FPÖ, die von vielen Deiner Landsleuten als Alternative betrachtet wird, mit dem historischen Nationalsozialismus in Verbindung.In den letzten Wochen habe ich investigativ im FPÖ-Milieu recherchiert.Was ich da bisher erlebt habe sprengt jede Vorstellungskraft und sollte Anlass zur höchsten Sorge bereiten.

    Ich habe keine Häme geäußert sondern nur auf den Widerspruch hingewiesen, bezüglich der naiven Theorie sogenannte freie Wahlen als Allheilmittel zu betrachten.

    Man kann gar nicht genug Scholl-Latour lesen, denn er hat ja bisher immer Recht behalten, ganz im Gegensatz zu den selbsternannten Experten, die fröhlich von einer Fehlprognose zur nächsten taummeln, anstatt einfach mal die Goschen zu halten.


  6. PSL im Stern-Inerview (29.11.2006)

    http://www.stern.de/politik/ausland/scholl-latour-unter-saddam-ging-es-dem-irak-besser-577484.html

    Stern:
    In der Baker-Kommission wird auch eine Exit-Strategie für die US-Armee gesucht: Diskutiert wurde über einen sofortigen Abzug, einen langsamen Rückzug oder gar eine kurzfristige Erhöhung der Truppen. Für welche Option würden Sie plädieren?

    PSL:
    Entweder die USA bereiten jetzt den Abzug vor und sagen das auch offen, oder sie lassen sich auf den Unsinn ein, möglichst lange im Irak zu bleiben.

    Stern:
    Wie lässt sich die Gewalt im Irak denn eindämmen?

    PSL:
    Im Moment gar nicht. Ich sehe derzeit keine Befriedungsmöglichkeit.

    8 Monate und eine kurzfristige Truppenaufstockung später:

    http://icasualties.org/Iraq/index.aspx


  7. sorry, 10 Monate später

  8. Thomas Says:

    Hmmmm, im Moment sehe ich nicht, was sie AKP so sehr von einer christlich-konservativen Partei unterscheidet…

    Das übliche Familienwerte-Blabla, aber ansonsten eher marktliberal und EU-orientiert. Hört sich irgendwie wie die lokal-türkische Version von CDU/CSU, ÖVP, CDA/CU, etc. an — nur dass die einen Kopftücher im Staatsdienst zulassen wollen, während die anderen Kreuze an den Schulwänden sehen möchten…

    Naja, immer noch besser als irgendwelche durchgeknallten Nationalisten (obwohl: die tummeln sich auch manchmal in diesen Dunstkreisen 😉 )

  9. ramonschack Says:

    Thomas

    vielen Dank für Ihren ausgewogenen Beitrag!

  10. Mert Says:

    Ich finde das Super von mein President Erdogan (=

    Seit 1924 unterdrücken die Kemalisten gegen unseren willen. Sie haben unsere Imame aufgähngt, sie haben Kopftuch verboten. Jetz Jetz sind wir drann die Muslmische Türken. Jetz werden Kemalisten aufgehängt Jetz werden Kopffrei laufen verboten.

    Möge Allah Erdogan beschützen Millionen von Türken stehen hinter Erdogan.

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