Christian Klar ist dieser Tage aus dem Gefängnis entlassen wurden.

Nach einer Haftstrafe von 26 Jahren ist dieser ehemalige RAF-Terrorist frei.

Lesen Sie dazu auch:

Gefängnisinsassen, die eine lange Haftstrafe hinter sich haben, im Falle von Klar sogar mehr als ein Vierteljahrhundert, werden in eine  Gesellschaft entlassen, die ihnen  fremd geworden ist, deren Regeln und Anforderungen, deren technische Errungenschaften und soziale Bindungen, sie erst wieder mühsam erlernen müssen.

Diese Menschen ähneln einer alten Kamera, die sich einmal ein Bild von der Welt gemacht hat, um dann das Objektiv für sehr lange Zeit, manchmal auch für immer, zu schließen.

In seinem Artikel “ Der auferstandenen Mensch“ beschrieb der legendäre Journalist  Joseph Roth einmal, wie ein alter Mann, nach über einem halben Jahrhundert, das Gefängnis verläßt, welches er als 20ig Jähriger betreten hatte.   

„George B. kannte die Stadt Berlin, wie sie vor fünfzig Jahren ausgesehen hatte. Gedachte er während sienes langen, dunklen Lebens dieser Stadt, so sah er eine von Fuhrwerken befahrene Straße, sah er das Ende der Stadt am Potsdamer Platz, erschien ihm Wagenrasseln wie großstädtisches Getöse.

Fünfzig Jahre trug B. das Bild dieser Stadt im Bewußtsein. Verstieg er sich manchmal, an Fortschritt zu denken, las er in irgendeiner aufegriffenen und zufällig in die Abgeschlossenheit hereingeflatterten Zeitung von technischen Erfindungen, so zauberte ihm die Phantasie ein vierstöckiges statt eines dreistöckigen Hauses vor, und sein Auge erblickte , ohne die Hilfe wachsender Wirklichkeiten, einVehikle vielleicht , das sich selbst fortbewegte.  Ein Vehikel, dessen Schnelligkeit der eines von vier , höchtens sechs Pferden gezogenen Wagens entsprach. Denn woran sollte sich sein Bewußtsein klammern als an den ihm vertrauten Maßstab?………………

Der Mann hieß Georg B. und wurde 1872 wegen Beihilfe zum Raubmord zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt.  Der Artikel, den ich hier in Auszügen verööfentlicht habe, erschien am 24.02.1923 im 12-Uhr Blatt der Neuen Berliner Zeitung.Quelle:Joseph Roth in Berlin

……….

Plötzlich entstieg B. der Stadtbahn und stand mitten im zwanzigsten Jahrhundert. Im zwanzigsten? Es müßte das vierzigste sein. Mindestens das vierzigste. Wie pfeilschnell, als wären sie abgeschossen worden, lebendige Geschosse flitzten junge Menschen mit Zeitungen auf seltsam beflügelten Rädern aus blonkendem Stahl die Straßen kreuz und quer!Schwarze und braune, große und ganz winzige Wagen glitten lautlos über die Straße. Ein Mann saß im Fond und lenkte ein Steuer, als befände er sich im Boot…………………..

………

Eine ganz neue Sprache war auf der Welt, ein Verständigungsmittel so selbstverständlich als wäre es Deutsch-und es waren doch quälende, erschütternde Urlaute wie aus den Anfängen der Menschheit, aus entschlafenen Urwäldern und Tertiärzeit.Der blieb stehen , und jener rannte rasch, sein Leben gleichsam an der Brust bergend, mit eigenklemmten Armen quer über den Damm. Am Potsdamer Platz war nicht Ende mehr, sondern Mitte.“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s